Blickwechsel 2
Weltbilder - A. R. Penck und die Steinzeit. Städel, Galerie, Frankfurt,
12. Oktober 2005 bis 8. Januar 2006
Die Reihe "Blickwechsel" ist eine Kooperation zwischen den Staatlichen
Museen Kassel und dem Städelschen Kunstinstitut Frankfurt am Main. Die
beiden für "Blickwechsel 2" ausgewählten Objekte laden
ein zum assoziativen Sprung über die Jahrtausende hinweg. Eine jungsteinzeitliche
Ritzzeichnung wird mit Pecks Gemälde "Kleines Weltbild. Psychotronic-strategic-art"
von 1966/71 konfrontiert. Der ca. 5500 Jahre alte Sandstein weist eingravierte
Darstellungen von mehreren Rindergespannen mit je einem Wagen auf. Er wurde
im Inneren des Steinkammergrabes von Züschen gefunden, dem bedeutendsten
Steinkammergrab (Megalithgrab) Hessens und gehört im Landesmuseum
Kassel zu den wichtigsten Stücken der Sammlungen für Vor- und Frühgeschichte.
Die Darstellungen zählen zu den frühesten Belegen für die
Verwendung von Fuhrwagen in Europa.
Im assoziativen Sprung über die Jahrtausende hinweg begegnet uns ein ähnlich
abstrahierender Zeichenstil in der Malerei A. R. Pencks. Die Strichmännchenmanier
des aus der DDR ausgewiesenen Malers scheint an die archaischen Bildzeichen
unserer steinzeitlichen Vorfahren anzuknüpfen. Penck praktiziert einen
formal ähnlich reduzierten Zeichenstil, einen Realismus ohne Illusionismus.
Er versichert sich einer universal verständlichen Bildsprache, mit
der er existentielle Themen behandelt. Seine zur "Welthöhle"
gewandelte Weltkugel ist angefüllt mit Figuren, Pfeilen und weiteren
Bildchiffren, dabei halb verdeckt von zwei Köpfen, die ihrerseits mit
schwarzer Farbe teilweise übermalt und mit Briefmarken überklebt
worden sind. Penck versucht, die Strukturen des menschlichen Miteinanders
in eben jener
Weise zu veranschaulichen, wie sich die Sandsteinstele auf eine der für
die Menschheit wichtigsten Errungenschaften, das Rad und seine existentielle
Bedeutung, konzentriert.
Die Begegnung der Weltbilder aus Steinzeit und Avantgarde provoziert Fragen
nach den Ursprüngen und Grundlagen unserer (Bild-)Kultur. Ein buchstäblicher
Blickwechsel findet statt: Der ritzverzierte Sandstein wird in Konfrontation
mit der modernen Malerei ästhetisch wahrgenommen; das frühgeschichtliche
Objekt verstärkt umgekehrt das Nachkriegsbild in seiner archaischen
Anmutung.
Eröffnungsvortrag am 12. Oktober 2005 um 19 Uhr im Gartensaal mit einem
Vortrag von Dr. Irina Görner und Dr. Thorsten Smidt: "Ausgrabungen neines
Weltbildes - A. R. Penck und die Steinzeit".
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