Joseph Maria Olbrich 1867-1908
Architekt und Gestalter der frühen Moderne. Ausstellung Institut Mathildenhöhe
Darmstadt, bis 24. Mai 2010
Zehn Jahre, drei Atelierstandorte: Wien, Darmstadt, Düsseldorf. Projekte
in ganz Europa sowie den Vereinigten Staaten: von Paris über Turin, Mailand, London, Berlin, Dresden und Moskau bis nach Belgrad, Straßburg, Karlsbad und St. Louis. Unterschiedlichste Architekturaufgaben von internationalen Bauausstellungen über Stadtvillen, Arbeitersiedlungen, Fabrikgebäude, Gartenstadt und Wassertürme, Bahnhof und Hallenbad bis hin zur Kurhotelanlage und Brunnen-Kolonnade. Komplette Innenausstattungen für Paläste, Privathäuser, Apartments, Läden und sogar Schiffe. Objektgestaltungen vom Stehpult über Kleiderständer, Lupe, Schirmgriff, Thermometer, Standuhr bis hin zu Registrierkasse, Gaskamin und Automobil, um nur eine kleine Auswahl zu nennen. Das ist die kaum fassliche Bilanz eines allzu kurzen Künstlerlebens um 1900 – der zentralen Schaffensjahre des rastlosen Architekten und Gestalters Olbrich von 1898 bis 1908.
Joseph
Maria Olbrich, Schüler von Otto Wagner, Studienfreund und Bürokollege
von Josef Hoffmann, ist heute der "große Unbekannte" unter
den Wiener Architekten. Noch vor 1900 ins benachbarte Ausland berufen, geriet
Olbrich in Wien nach 1900 je länger je mehr in Vergessenheit, obgleich
er mit Gustav Klimt, Josef Hoffmann und Koloman Moser Gründer der Künstlervereinigung
Wiener Secession und zugleich Architekt des gleichnamigen Geäudes war:
heute eines der Wahrzeichend er Donau-Kapitale. Umso mehr hat Olbrich diese
Gesamtschau seines Œuvres an den beiden Hauptschauplätzen seines
Lebens – Darmstadt und Wien –
verdient. Zumal die letzte Retrospektive, damals allein auf der Mathildenhöhe
Darmstadt, bereits 27 Jahre zurück liegt.
1904
Mitbegründer des Bundes Deutscher Architekten, 1905 zum korrespondierenden
Mitglied des American Institute of Architects gewählt, 1906 Ehrenmitglied
der Accademia di Belle Arti Mailand, 1907 Gründungsmitglied des Deutschen
Werkbundes: Joseph Maria Olbrich ist zum Zeitpunkt seines frühen Todes
eine Schlüsselfigur der zeitgenössischen Architektur und Weltgestaltung.
Frank Lloyd Wright wurde 1910 bei seiner Ankunft in Europa als "amerikanischer
Olbrich" willkommen geheißen. Und Erich Mendelsohn, der Baumeister
des Potsdamer Einsteinturmes, schrieb noch 1919: "Unfähig zu eigenem
Schaffen duckt sich nach Olbrichs Tod die führerlose Zunft wieder
hinter die erprobte Gefügigkeit vergangener Systeme."
So scheint die Hoffnung nicht ganz unbegründet, dass sich mit der Ausstellung
auf der Mathildenhöhe Darmstadt und der sie begleitenden Grundlagenpublikation
in neuer Selbstverständlichkeit durchsetzt, was Josef Frank, der österreichische
Architekt und Miterbauer der legendären Stuttgarter Weißenhofsiedlung,
schon 1926 mit fester Überzeugung formulierte: "Die Architekten
Otto Wagner, Josef Olbrich [sic], Josef Hoffmann, Adolf
Loos und manche andere haben schon lange vor dem Kriege auf die Architektur
Europas stärksten Einfluss ausgübt. Hier wurden Werke geschaffen,
die in gerader Linie zur Baukunst der Gegenwart führen."
» zurück
» zum Institut Mathildenhöhe
Darmstadt