Joseph Maria Olbrich: Wiener Secessionsgebäude, 1897/98

Joseph Maria Olbrich 1867-1908

Architekt und Gestalter der frühen Moderne. Ausstellung Institut Mathildenhöhe Darmstadt, bis 24. Mai 2010

Zehn Jahre, drei Atelierstandorte: Wien, Darmstadt, Düsseldorf. Projekte in ganz Europa sowie den Vereinigten Staaten: von Paris über Turin, Mailand, London, Berlin, Dresden und Moskau bis nach Belgrad, Straßburg, Karlsbad und St. Louis. Unterschiedlichste Architekturaufgaben von internationalen Bauausstellungen über Stadtvillen, Arbeitersiedlungen, Fabrikgebäude, Gartenstadt und Wassertürme, Bahnhof und Hallenbad bis hin zur Kurhotelanlage und Brunnen-Kolonnade. Komplette Innenausstattungen für Paläste, Privathäuser, Apartments, Läden und sogar Schiffe. Objektgestaltungen vom Stehpult über Kleiderständer, Lupe, Schirmgriff, Thermometer, Standuhr bis hin zu Registrierkasse, Gaskamin und Automobil, um nur eine kleine Auswahl zu nennen. Das ist die kaum fassliche Bilanz eines allzu kurzen Künstlerlebens um 1900 – der zentralen Schaffensjahre des rastlosen Architekten und Gestalters Olbrich von 1898 bis 1908.

Joseph Maria Olbrich: Briefkasten, um 1899Joseph Maria Olbrich, Schüler von Otto Wagner, Studienfreund und Bürokollege von Josef Hoffmann, ist heute der "große Unbekannte" unter den Wiener Architekten. Noch vor 1900 ins benachbarte Ausland berufen, geriet Olbrich in Wien nach 1900 je länger je mehr in Vergessenheit, obgleich er mit Gustav Klimt, Josef Hoffmann und Koloman Moser Gründer der Künstlervereinigung Wiener Secession und zugleich Architekt des gleichnamigen Geäudes war: heute eines der Wahrzeichend er Donau-Kapitale. Umso mehr hat Olbrich diese Gesamtschau seines Œuvres an den beiden Hauptschauplätzen seines Lebens – Darmstadt und Wien – verdient. Zumal die letzte Retrospektive, damals allein auf der Mathildenhöhe Darmstadt, bereits 27 Jahre zurück liegt.

Joseph Maria Olbrich: Perspektivischer Schnitt durch das Ernst-Ludwig-Haus, 19011904 Mitbegründer des Bundes Deutscher Architekten, 1905 zum korrespondierenden Mitglied des American Institute of Architects gewählt, 1906 Ehrenmitglied der Accademia di Belle Arti Mailand, 1907 Gründungsmitglied des Deutschen Werkbundes: Joseph Maria Olbrich ist zum Zeitpunkt seines frühen Todes eine Schlüsselfigur der zeitgenössischen Architektur und Weltgestaltung. Frank Lloyd Wright wurde 1910 bei seiner Ankunft in Europa als "amerikanischer Olbrich" willkommen geheißen. Und Erich Mendelsohn, der Baumeister des Potsdamer Einsteinturmes, schrieb noch 1919: "Unfähig zu eigenem Schaffen duckt sich nach Olbrichs Tod die führerlose Zunft wieder hinter die erprobte Gefügigkeit vergangener Systeme."

So scheint die Hoffnung nicht ganz unbegründet, dass sich mit der Ausstellung auf der Mathildenhöhe Darmstadt und der sie begleitenden Grundlagenpublikation in neuer Selbstverständlichkeit durchsetzt, was Josef Frank, der österreichische Architekt und Miterbauer der legendären Stuttgarter Weißenhofsiedlung, schon 1926 mit fester Überzeugung formulierte: "Die Architekten Otto Wagner, Josef Olbrich [sic], Josef Hoffmann, Adolf Loos und manche andere haben schon lange vor dem Kriege auf die Architektur Europas stärksten Einfluss ausgübt. Hier wurden Werke geschaffen, die in gerader Linie zur Baukunst der Gegenwart führen."

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