Jean-Antoine Houdon: Der Winter, 1793

Jean-Antoine Houdon

Die sinnliche Skulptur. Ausstellung Liebieghaus Skulpturensammlung, Frankfurt, bis 28. Februar 2010

Jean-Antoine Houdon (1741–1828) war einer der bekanntesten französischen Künstler des 18. Jahrhunderts, beispielgebender Bildhauer der Aufklärung und als erfolgreichster Porträtbildhauer seiner Zeit in Frankreich, Deutschland, Russland, Italien und den USA tätig. Er schuf Bildnisse von bürgerlichen Auftraggebern, französischen und amerikanischen Aufklärern wie Voltaire, Denis Diderot oder Benjamin Franklin, aber auch von Herrschern wie Katharina II., Ludwig XVI. und Napoleon I. Wie kein anderer zeitgenössischer Bildhauer verstand er es, die feinen Züge seiner Modelle zu erfassen und deren Charakter in unterschiedlichen Materialien zu formen. Neben Porträts entstanden ganzfigurige Statuen zu religiösen, antiken oder allegorischen Themenbereichen.

Jean-Antoine Houdon: Sitzender Voltaire, um 1778Im Zentrum der Ausstellung stehen Houdons 1783 geschaffene "Frileuse", eine Personifikation des Winters, sowie die 1787 entstandene Bronzeversion des Themas, die zu den berühmtesten Skulpturen ihrer Zeit gehören und paradigmatisch den Wandel vom Barock zur Aufklärung verdeutlichen. Der zweite Teil der Ausstellung beleuchtet die Persönlichkeit Houdons unter dem Aspekt des vom Künstler verwendeten Materials. Mit insgesamt 40 Exponaten – davon 19 Skulpturen von Houdon – ermöglicht die Ausstellung erstmals in Deutschland eine ausführliche Betrachtung seines Schaffens in der Auseinandersetzung mit wichtigen Zeitgenossen wie Jean-Baptiste Pigalle, Augustin Pajou, Jean-Jacques Caffiéri oder Jean-Baptiste II Lemoyne. Unterstützung erfährt die Ausstellung durch Leihgaben aus international renommierten Museen wie dem Musée du Louvre in Paris, der National Gallery of Scotland in Edinburgh, dem Detroit Institute of Arts und dem Metropolitan Museum of Art in New York. Nach der Präsentation in Frankfurt wird die Ausstellung im Musée Fabre in Montpellier gezeigt werden

Jean-Antoine Houdon: Der Winter, 1793Im Zusammenhang mit der Suche der Künstler nach einer modernen Ausdrucksform rücken das Material und die Oberflächenmodellierung und das heißt auch die Stofflichkeit des Materials selbst zunehmend in den Blick: Houdon erreichte in den verschiedenen Materialien Marmor, Gips, Terrakotta und Bronze eine erstaunliche Meisterschaft in der Wiedergabe und Übersetzung von Stoff. Zahlreiche seiner Werke schuf er in unterschiedlichen Materialversionen: Die zwischen 1783 und 1785 entstandenen Statuen "Der Sommer" und "Der Winter" aus dem Musée Fabre in Montpellier sind aus Marmor gefertigt, eine andere überaus prominente Version des Winters aus dem Jahr 1787, die heute zum Besitz des Metropolitan Museum of Art in New York gehört, aus Bronze. Das edle Material schlechthin war seit der Antike weißer Marmor. Daraus schuf Houdon zahlreiche Porträts, in denen er von der Idealisierung Abstand nahm und wie kein anderer seiner Zeitgenossen die Persönlichkeit der Dargestellten herausarbeitete.

Eine Forderung der Zeit betraf den Anspruch, Mensch und Natur in ihrer Wahrheit darzustellen. Die Porträtbüsten Houdons besitzen überzeugende Körperlichkeit. Deutlich wird aber auch eine andere Wahrheit, die Wahrheit der Skulptur. Houdon macht klar, dass das, was zu sehen ist, Kunst ist, keine Realität. Damit changiert der Eindruck: Es ist einerseits die Wahrheit des Inhalts zu sehen. So wird beispielsweise ein Porträtierter in seinem Aussehen und in seinem Charakter überzeugend wiedergegeben. Andererseits wird die Wahrheit des Materials und des Gestaltens bedeutsam. Houdon schafft die Illusion von atmenden Körpern und überführt sie in Kunst.

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