Jean-Antoine Houdon
Die sinnliche Skulptur. Ausstellung
Liebieghaus Skulpturensammlung, Frankfurt, bis 28. Februar
2010
Jean-Antoine Houdon (1741–1828) war einer der bekanntesten französischen
Künstler des 18. Jahrhunderts, beispielgebender Bildhauer der Aufklärung
und als erfolgreichster Porträtbildhauer seiner Zeit in Frankreich,
Deutschland, Russland, Italien und den USA tätig. Er schuf Bildnisse
von bürgerlichen Auftraggebern, französischen und amerikanischen
Aufklärern wie Voltaire, Denis Diderot oder Benjamin Franklin, aber
auch von Herrschern wie Katharina II., Ludwig XVI. und Napoleon I. Wie
kein anderer zeitgenössischer Bildhauer verstand er es, die feinen
Züge seiner Modelle zu erfassen und deren Charakter in unterschiedlichen
Materialien zu formen. Neben Porträts entstanden ganzfigurige Statuen
zu religiösen, antiken oder allegorischen Themenbereichen.
Im
Zentrum der Ausstellung stehen Houdons 1783 geschaffene "Frileuse", eine
Personifikation des Winters, sowie die 1787 entstandene Bronzeversion des
Themas, die zu den berühmtesten Skulpturen ihrer Zeit gehören
und paradigmatisch den Wandel vom Barock zur Aufklärung verdeutlichen.
Der zweite Teil der Ausstellung beleuchtet die Persönlichkeit Houdons
unter dem Aspekt des vom Künstler verwendeten Materials. Mit insgesamt
40 Exponaten – davon 19 Skulpturen von Houdon – ermöglicht
die Ausstellung erstmals in Deutschland eine ausführliche Betrachtung
seines Schaffens in der Auseinandersetzung mit wichtigen Zeitgenossen wie
Jean-Baptiste Pigalle, Augustin Pajou, Jean-Jacques Caffiéri oder
Jean-Baptiste II Lemoyne. Unterstützung erfährt die Ausstellung
durch Leihgaben aus international renommierten Museen wie dem Musée
du Louvre in Paris, der National Gallery of Scotland in Edinburgh, dem
Detroit Institute of Arts und dem Metropolitan Museum of Art in New York.
Nach der Präsentation in Frankfurt wird die Ausstellung im Musée
Fabre in Montpellier gezeigt werden
Im
Zusammenhang mit der Suche der Künstler nach einer modernen Ausdrucksform
rücken das Material und die Oberflächenmodellierung und das heißt
auch die Stofflichkeit des Materials selbst zunehmend in den Blick: Houdon
erreichte in den verschiedenen Materialien Marmor, Gips, Terrakotta und
Bronze eine erstaunliche Meisterschaft in der Wiedergabe und Übersetzung
von Stoff. Zahlreiche seiner Werke schuf er in unterschiedlichen Materialversionen:
Die zwischen 1783 und 1785 entstandenen Statuen "Der Sommer" und "Der Winter"
aus dem Musée Fabre in Montpellier sind aus Marmor gefertigt, eine
andere überaus prominente Version des Winters aus dem Jahr 1787, die
heute zum Besitz des Metropolitan Museum of Art in New York gehört,
aus Bronze. Das edle Material schlechthin war seit der Antike weißer
Marmor. Daraus schuf Houdon zahlreiche Porträts, in denen er von der
Idealisierung Abstand nahm und wie kein anderer seiner Zeitgenossen die
Persönlichkeit der Dargestellten herausarbeitete.
Eine Forderung der Zeit betraf den Anspruch, Mensch und Natur in ihrer
Wahrheit darzustellen. Die Porträtbüsten Houdons besitzen überzeugende
Körperlichkeit. Deutlich wird aber auch eine andere Wahrheit, die
Wahrheit der Skulptur. Houdon macht klar, dass das, was zu sehen ist, Kunst
ist, keine Realität. Damit changiert der Eindruck: Es ist einerseits
die Wahrheit des Inhalts zu sehen. So wird beispielsweise ein Porträtierter
in seinem Aussehen und in seinem Charakter überzeugend wiedergegeben.
Andererseits wird die Wahrheit des Materials und des Gestaltens bedeutsam.
Houdon schafft die Illusion von atmenden Körpern und überführt
sie in Kunst.
» zurück
» zum Liebieghaus Skulpturensammlung,
Frankfurt