László Moholy Nagy: A 19, 1927

László Moholy Nagy

Retrospektive. Ausstellung Schirn Kunsthalle Frankfurt, bis 7. Februar 2010

Der ungarische Künstler László Moholy-Nagy (1895–1946) wurde in Deutschland durch seine prägende Arbeit als Lehrer am Staatlichen Bauhaus in Weimar und Dessau (1923–1928) bekannt. Seine zukunftsweisenden Theorien über die Kunst als Versuchsfeld für neue Ausdrucksformen und deren Anwendung auf alle Bereiche des modernen Lebens wirken bis in die Gegenwart hinein. Die Retrospektive der Schirn Kunsthalle präsentiert anhand von etwa 170 Werken – Gemälden, Fotografien und Fotogrammen, Skulpturen und Filmen sowie Bühnenbildentwürfen und Typografien – alle Werkphasen. Anlässlich des 90-jährigen Jubiläums der Gründung des Bauhauses führt sie damit erstmals seit der letzten großen Ausstellung in Kassel 1991 die enorme künstlerische Bandbreite Moholy-Nagys vor Augen. Im Rahmen der Ausstellung wird auch das bis 2009 unverwirklichte, viele Theorien des Künstlers zusammenfassende Raumkunstwerk "Raum der Gegenwart" realisiert.

László Moholy Nagy: Bauhaus-Balkone, 1926Kein anderer Lehrer am Weimarer und Dessauer Bauhaus, aber auch kaum ein anderer Künstler der an utopischen Entwürfen reichen Epoche der 1920er-Jahre in Deutschland weist ein so breites Spektrum an Ideen und Aktivitäten auf wie der 1895 in Bácsborsód (Südungarn) geborene László Moholy-Nagy. In seinem Werk stehen Malerei und Film, Fotografie und Skulptur, Bühnenbildentwurf, Zeichnung und Fotogramm gleichwertig nebeneinander und treten kontinuierlich im mer wieder auf. Sie werden abwechselnd eingesetzt, variiert und als Teile eines universellen Gesamtkonzepts wieder aufgegriffen, dessen roter Faden der wache, neugierige und unbändig experimentelle Geist des "Multimedia"-Künstlers Moholy-Nagy ist. Lange bevor von "Mediendesign" und professionellem "Marketing" gesprochen wurde, arbeitete Moholy-Nagy auch in diesen Bereichen als Vordenker neuer technischer, gestalterischer und didaktischer Instrumente. "Alle Gestaltungsgebiete des Lebens sind eng miteinander verknüpft", schrieb er um 1925 und war trotz seines Mottos "Kunst und Technik – eine Einheit" kein unkritischer Verehrer des Maschinenzeitalters, sondern eher ein der Technik offen und aufgeschlossen gegenüberstehender Humanist. Steigerung der Lebensqualität, Vermeidung von Spezialistentum, Wissenschaft und Technik als Bereicherung und Vertiefung menschlicher Erfahrungen – so ließe sich seine künstlerische Grundhaltung zusammenfassen, die exemplarisch für das idealistische und utopische Denken einer ganzen Epoche steht.

László Moholy Nagy: Selbstportrait, um 1926Nach dem Abitur beginnt Moholy-Nagy 1913 zunächst ein Jurastudium in Budapest, wird jedoch 1915 zum Militär eingezogen. Während des Krieges fertigt er erste Zeichnungen auf Feldpostkarten an und widmet sich nach seiner Entlassung aus der Armee ab 1918 ausschließlich der Kunst. Nach der Übersiedlung von Budapest nach Wien 1919 und ein Jahr später nach Berlin pflegte Moholy-Nagy engen Kontakt zu Kurt Schwitters, Raul Hausmann, Theo van Doesburg und El Lissitzky und setzte sich intensiv mit Merzkunst, De Stijl und Konstruktivismus auseinander. Künstlerische Erfolge stellten sich unter anderem mit einer Einzelausstellung in der Berliner Galerie "Der Sturm" (1922) ein. Im Frühjahr 1923 wurde Moholy-Nagy von Walter Gropius als Bauhaus-Meister nach Weimar berufen. Als Leiter von Vorkurs und Metallwerkstatt prägte er maßgeblich die konstruktivistische und gesellschaftliche Neuorientierung des Bauhauses. Die Verzahnung von Kunst, Leben und Technik sowie die Betonung des Visuellen und der Materialaspekte in der Gestaltung waren Kernpunkte seiner Arbeit und führten zu einer modernen, technikorientierten Formensprache. So aktuell wie seine künstlerische Arbeit wirken bis heute auch seine pädagogischen Ansätze als Bauhaus-Lehrer, die eine Erziehung zum künstlerisch-politischen Menschen und zur Kreativität in den Mittelpunkt stellten: "Jeder gesunde Mensch hat ein tiefes Vermögen, die in seinem Mensch-Sein begründeten schöpferischen Energien zur Entfaltung zu bringen [… und] kann seinen Empfindungen in dem Material Form geben (was nicht gleichbedeutend mit 'Kunst' ist)", schrieb er 1929.

Die Ausstellung in der Schirn wird durch den bis 2009 unverwirklichten "Raum der Gegenwart" ergänzt, der eine prägnante Zusammenfassung von Moholy-Nagys Werk darstellt. Die Entwürfe für dieses viele Theorien des Künstlers vereinende Environment gehen bereits auf das Jahr 1930 zurück und werden nun anlässlich des Bauhaus-Jubiläums 2009 in der Schirn realisiert. Die Ausstellung wird von der Hessischen Kulturstiftung gefördert und erfährt durch die Fazit-Stiftung zusätzliche Unterstützung. Der Ausstellungskatalog mit 192 S. und 220 Abb. kostet 29,80 €.

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