László Moholy Nagy
Retrospektive. Ausstellung Schirn Kunsthalle Frankfurt, bis 7. Februar 2010
Der ungarische Künstler László Moholy-Nagy (1895–1946) wurde in Deutschland
durch seine prägende
Arbeit als Lehrer am Staatlichen Bauhaus in Weimar und Dessau (1923–1928) bekannt.
Seine zukunftsweisenden Theorien über die Kunst als Versuchsfeld für neue Ausdrucksformen
und deren Anwendung auf alle Bereiche des modernen Lebens wirken bis in die Gegenwart
hinein. Die
Retrospektive der Schirn Kunsthalle präsentiert anhand von etwa 170 Werken – Gemälden,
Fotografien
und Fotogrammen, Skulpturen und Filmen sowie Bühnenbildentwürfen und Typografien –
alle Werkphasen. Anlässlich des 90-jährigen Jubiläums der Gründung des Bauhauses
führt sie
damit erstmals seit der letzten großen Ausstellung in Kassel 1991 die enorme
künstlerische Bandbreite
Moholy-Nagys vor Augen. Im Rahmen der Ausstellung wird auch das bis 2009 unverwirklichte,
viele Theorien des Künstlers zusammenfassende Raumkunstwerk "Raum der Gegenwart"
realisiert.
Kein
anderer Lehrer am Weimarer und Dessauer Bauhaus, aber auch kaum ein anderer
Künstler der an utopischen Entwürfen reichen Epoche der 1920er-Jahre
in Deutschland weist ein so breites Spektrum an Ideen und Aktivitäten
auf wie der 1895 in Bácsborsód
(Südungarn) geborene László Moholy-Nagy. In seinem Werk
stehen Malerei und Film, Fotografie und Skulptur, Bühnenbildentwurf,
Zeichnung und Fotogramm gleichwertig nebeneinander und treten kontinuierlich
im
mer wieder auf. Sie werden abwechselnd eingesetzt, variiert und als Teile
eines universellen Gesamtkonzepts wieder aufgegriffen, dessen roter Faden
der wache, neugierige und unbändig experimentelle Geist des "Multimedia"-Künstlers
Moholy-Nagy ist. Lange bevor von "Mediendesign" und professionellem "Marketing"
gesprochen wurde, arbeitete Moholy-Nagy auch in diesen Bereichen als Vordenker neuer technischer, gestalterischer und didaktischer Instrumente.
"Alle Gestaltungsgebiete des Lebens sind eng miteinander verknüpft",
schrieb er um 1925 und war trotz seines Mottos "Kunst und Technik – eine
Einheit" kein unkritischer
Verehrer des Maschinenzeitalters, sondern eher ein der Technik offen und
aufgeschlossen gegenüberstehender
Humanist. Steigerung der Lebensqualität, Vermeidung von Spezialistentum,
Wissenschaft und Technik als Bereicherung und Vertiefung menschlicher Erfahrungen – so
ließe sich
seine künstlerische Grundhaltung zusammenfassen, die exemplarisch für
das idealistische und utopische Denken einer ganzen Epoche steht.
Nach
dem Abitur beginnt Moholy-Nagy 1913 zunächst ein Jurastudium in Budapest,
wird jedoch 1915 zum Militär eingezogen. Während des Krieges fertigt
er erste Zeichnungen auf Feldpostkarten an und widmet sich nach seiner Entlassung
aus der Armee ab 1918 ausschließlich
der Kunst. Nach der Übersiedlung von Budapest nach Wien 1919 und ein
Jahr später
nach Berlin pflegte Moholy-Nagy engen Kontakt zu Kurt Schwitters, Raul Hausmann,
Theo van Doesburg und El Lissitzky und setzte sich intensiv mit Merzkunst,
De Stijl und Konstruktivismus auseinander. Künstlerische Erfolge stellten
sich unter anderem mit einer Einzelausstellung in der Berliner Galerie "Der
Sturm" (1922) ein. Im Frühjahr 1923 wurde Moholy-Nagy
von Walter Gropius als Bauhaus-Meister nach Weimar berufen. Als Leiter von
Vorkurs und Metallwerkstatt prägte er maßgeblich die konstruktivistische
und gesellschaftliche Neuorientierung des Bauhauses. Die Verzahnung von
Kunst, Leben und Technik sowie die Betonung des Visuellen und der Materialaspekte
in der Gestaltung waren Kernpunkte seiner Arbeit und führten
zu einer modernen, technikorientierten Formensprache. So aktuell wie seine
künstlerische Arbeit
wirken bis heute auch seine pädagogischen Ansätze als Bauhaus-Lehrer,
die eine Erziehung zum künstlerisch-politischen Menschen und zur Kreativität
in den Mittelpunkt stellten: "Jeder
gesunde Mensch hat ein tiefes Vermögen, die in seinem Mensch-Sein begründeten
schöpferischen
Energien zur Entfaltung zu bringen [… und] kann seinen Empfindungen
in dem Material Form geben (was nicht gleichbedeutend mit 'Kunst' ist)",
schrieb er 1929.
Die Ausstellung in der Schirn wird durch den bis 2009 unverwirklichten
"Raum der Gegenwart" ergänzt, der eine prägnante Zusammenfassung
von Moholy-Nagys Werk darstellt. Die Entwürfe für dieses viele
Theorien des Künstlers vereinende Environment
gehen bereits auf das Jahr 1930 zurück und werden nun anlässlich
des Bauhaus-Jubiläums 2009
in der Schirn realisiert. Die Ausstellung wird
von der Hessischen Kulturstiftung gefördert und erfährt durch die
Fazit-Stiftung zusätzliche Unterstützung. Der
Ausstellungskatalog mit 192 S. und 220 Abb. kostet 29,80 €.
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