Restitution.
Probleme, Erfahrungen, Kontroversen
Fachtagung der Kulturinitiative Rhein-Main,
Museum Wiesbaden, 11. November 2009
Die Bundesrepublik Deutschland hat sich durch Unterzeichnung der Washingtoner
Erklärung des Jahres 1998 dazu verpfichtet, die Herkunft von möglicherweise
beschlagnahmten Kulturgütern
zu erforschen und gegebenenfalls rasch die nötigen Schritte zu unternehmen,
um in der Frage der Restitution eine gerechte und faire Lösung zu fnden.
In einer gemeinsamen Erklärung des Jahres 1999 haben sich Bund, Länder
und kommunale Spitzenverbände verpfichtet, in den verantwortlichen Gremien
der Träger öffentlicher Kultureinrichtungen darauf hinzuwirken,
dass als beschlagnahmt identifziertes Kulturgut restituiert wird.
Bis heute warten Tausende von Gemälden und Skulpturen, Objekte des
Kunsthandwerks, Schmuckstücke, Musikalien, Noten, Bücher und Archivalien
in Deutschland auf die Erforschung ihrer Provenienz. Ehemals in jüdischem
Besitz, wurden sie unter den Nationalsozialisten beschlagnahmt, enteignet,
geraubt oder zu Schleuderpreisen zwangsveräußert. Über dunkle
Kanäle wanderte ein großer Teil zwischen 1935 und 1945 in öffentliche
und private Sammlungen, wo ihre Herkunft bis heute der Aufklärung harrt.
Seit 2001 untersucht das Städelmuseum die Provenienz von rund
800 Kunstwerken, sechs Gemälde wurden inzwischen restituiert. Das
Museum Wiesbaden hat 283 Werke zweifelhafter Provenienz an das Magdeburger
Lost Art-Register gemeldet, ein Gemälde restituiert und Mitte 2009
ein Projekt zum Thema Provenienzforschung eingerichtet. Auch andere Museen,
Archive und Bibliotheken der Rhein-Main-Region sind mit dem Thema Restitution
befasst. Öffentlich
diskutiert wurde darüber zuletzt anlässlich der Ausstellung "Raub
und Restitution. Kulturgut aus jüdischem Besitz von 1933 bis heute"
im Jüdischen Museum
in Frankfurt. Die Diskussionen waren oft emotional, teilweise mangelte
es aber auch an genaueren Kenntnissen über Grundlagen der Restitution,
was eine sachliche Diskussion erschwerte.
Im Frühjahr 2009 hat der
Vorstand der Kulturinitiative RheinMain (KIRM) beschlossen, dem Thema Restitution
im Herbst eine Fachtagung zu widmen. Interessierte Personen und Institutionen
sind hiermit zur Teilnahme an dieser Tagung eingeladen. Durch Vorträge und die anschließende Diskussion in Arbeitsgruppen
soll die Fachtagung einen Beitrag leisten zur Information einer breiteren Öffentlichkeit über
die Grundlagen und die Praxis der Restitution und zur Versachlichung der
darüber geführten Diskussion. Die Kulturinitiative beabsichtigt
auch, Anregungen, die sich aus den Erfahrungen der vergangenen Jahre entwickelt
haben, argumentativ zu bündeln und an die Politik weiterzugeben.
Ausgangspunkt
sind die Grundsätze der Washingtoner Erklärung und deren Forderung
nach "gerechten und fairen Lösungen" sowie die Selbstverpflichtung
von Bundesregierung, Ländern und kommunalen Spitzenverbänden,
nach der Kulturgüter, die als NS-verfolgungsbedingt identifziert und
bestimmten Geschädigten zugeordnet werden können, nach individueller
Prüfung an die legitimierten früheren Eigentümer bzw. deren
Erben zu restituieren sind.
Die Erfahrungen der vergangenen Jahre mit spektakulären
Restitutionsfällen wie der "Berliner Straßenszene" von
Ernst Ludwig Kirchner oder der ebenfalls in Berlin beheimateten Plakatsammlung
Sachs zeigen, wie schwer es ist, im Spannungsverhältnis zwischen den
rechtlichen Regelungen einerseits und der moralischen Verantwortung andererseits
eines allseits akzeptierte Lösung zu fnden. Diese Erfahrungen zeigen
aber vor allem, dass öffentliche Institutionen
wie Museen, Bibliotheken und Archive in verstärktem Maße gefordert
sind, zunächst einmal ihre "Hausaufgaben" zu machen und
sich offensiver als bisher der Provenienzforschung über diejenigen
Kulturgüter zu widmen, die zwischen 1933 und 1945 auf welchen Wegen
auch immer erworben worden sind.
Für die einleitenden Vorträge hat die Kulturinitiative
RheinMain (KIRM) überregional tätige Fachleute eingeladen, die
sich mit dem Thema Restitution schon seit
Jahren auseinandersetzen. Die Arbeitsgruppen werden von Mitgliedern der
KIRM geleitet, die mit Problemen und Erfahrungen auch aus der Rhein-Main-Region
vertraut sind
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