E. W. Nay – Bilder der 1960er Jahre
Ausstellung Schirn Kunsthalle Frankfurt, bis 26. April 2009
Der Maler Ernst Wilhelm Nay gehört zu den bekanntesten deutschen Nachkriegskünstlern
des 20. Jahrhunderts. Seine abstrakten Gemälde sind in nahzu allen wichtigen öffentlichen
und privaten Sammlungen zu jener Epoche vertreten. Weniger bekannt und bisher
noch weitgehend unterschätzt jedoch ist Nays Spätwerk der 1960er
Jahre, das vor allem in den Jahren nach Nays Teilnahme an der documenta III
im Jahr 1964 bis zu seinem Tod 1968 entstanden ist. Die Ausstellung in der
Schirn konzentriert sich mit etwa 30 großformatigen Gemälden
und 86 der mit seinen über den Bildraum hinausweisenden dynamisch-flächigen
Formen und klaren Farben keineswegs historisch, sondern überraschend
aktuell wirkt. Als einen weiteren Höhepunkt rekonstruiert die Ausstellung
den spektakulären Nay-Raum der documenta III, in dem drei großformatige
Werke des Künstlers von der Decke hängend als Environment präsentiert
wurden.
Ernst
Wilhelm Nay (1902 Berlin – 1968 Köln) zählte spätestens
ab Mitte der 1950er-Jahre zu den renommiertesten Vertretern der abstrakten
Malerei in Deutschland. Seine Beschäftigung mit Malerei begann als Autodidakt.
Nachdem er sich 1924 mit drei Bildern bei Karl Hofer vorgestellt hatte, wurde
er von Hofer als Stipendiat in seine Malklasse an der Hochschule für
bildende Künste in Berlin aufgenommen, wo Nay sein Studium 1928 als
dessen Meisterschüler
beendete. 1937 wurden bei der Aktion "Entartete Kunst" zehn Werke
Nays von den Nationalsozialisten aus öffentlichem Besitz beschlagnahmt,
Nay wurde in Deutschland mit Ausstellungsverbot belegt, diente aber 1940-45
als Soldat im Zweiten Weltkrieg. Nach dem Krieg lebte Nay bis 1951 in Hofheim
im Taunus, dann mit seiner zweiten Frau
Elisabeth in Köln, das bis zu seinem Tod sein Lebensmittelpunkt blieb.
Eine seiner stärksten
Werkphasen begann 1954 mit den Scheibenbildern, mit denen ihm nicht nur der
Durchbruch in Europa mit Teilnahmen an den ersten drei documenta-Ausstellungen
und der Biennale in Venedig, sondern auch in den USA gelang. In den Scheibenbildern
löste sich Nay von allen eckig-kantigen
Formen. In kristallklarer, heller Farbigkeit komponierte er große und
kleine Scheiben und ihre Zwischenformen zu einer bewegten Farbchoreografie
auf der Fläche. Auf die Werkgruppe
der Augenbilder, die ab 1963 entstand und deren Höhepunkt die Arbeiten
für die documenta
III im Jahr 1964 darstellen, folgte ab 1965 die letzte Werkphase der Elementaren
Bilder, die durch Nays Tod 1968 beendet wurde.
Einer der Gründe für die mangelhafte Kenntnis seines Spätwerks
liegt in der Rezeptionsgeschichte. Eine aus heutiger Sicht weitgehend unverständliche
Debatte, die durch den Maler und Kunstkritiker Hans Platschek ausgelöst
wurde, setzte nach Nays Teilnahme an der documenta III ein. Platschek griff Nay
in einem polemischen Artikel in der Wochenzeitung Die Zeit vom 4. September
1964 an; zahlreiche Kommentare und Stellungnahmen sowohl von Nay-Anhängern
als auch von seinen Gegnern schlossen sich an. Kern der Vorwürfe war
unter anderem Nays herausgehobene Position auf der documenta III, bei der
die drei großformatigen Augenbilder
nicht nur in einem gesonderten Raum, sondern spektakulär von der Decke
hängend präsentiert
wurden. Dass die Idee zu dieser Hängung von Arnold Bode, dem Leiter
der documenta, und nicht von Nay selbst ausging, störte die Kritiker
in ihren Angriffen nicht. Betrachtet man die übrigen Formulierungen und
wenig stichhaltigen Argumente Platscheks näher – z. B. dass
Nays Scheibenbilder "nichtssagend" oder Ausdruck einer "rückgerichteten
Utopie" seien –,
fällt es heute schwer, diese Angriffe so ernst zu nehmen, wie es damals
offenbar geschah. Die Folgen dieser Debatte waren jedenfalls nicht nur für
Nay persönlich belastend, sondern wirkten
sich auch auf die öffentliche Wahrnehmung seiner nach der documenta entstandenen
Elementaren Bilder aus.
Waren
die Augenbilder, zu denen auch die in der Schirn präsentierten documenta-Gemälde zählen,
noch voll räumlicher Elemente, Expressivität und gegenständlicher
Assoziation, so wirken die Elementaren Bilder mit ihren großflächigen
grafischen Formen einfach und komplex zugleich. Mit den Elementaren Bildern
vollzog Nay ab 1965 den letzten, entscheidenden stilistischen Wandel in seinem
Werk. Vegetabile und anthropomorphe Formen wechseln ab, dazu kommen Spindeln,
Ketten, ovale Scheiben, Farbbänder und Bogenmuster. Die Zweidimensionalität,
der Verzicht auf illusionistische Bildräume, erzeugt Positiv- und Negativformen,
Eingrenzendes und Ausgrenzendes. Auch die Malweise veränderte sich hin
zu einem besonders dünnen, lasierenden und die Klarheit steigernden
Farbauftrag. Zusätzlich entwickelte Nay
seine Farbpalette hin zu kühlen und gemischten Farben in manchmal kühnen
Kombinationen wie Lila-Zitronengelb oder Blaugrün-Schwarz-Weiß.
Durch das Stehenlassen der weißen
Grundierung bilden sich weiße Muster und Ornamente. Schmale Ellipsen,
gezackte Kanten und die Reduktion auf drei der Primär- bzw. Nichtfarben
erzeugen dynamische und kontrastreiche Kompositionen, die sich optisch über
die Bildränder hinauszubewegen scheinen.
Neben dem rekonstruierten documenta-Raum und den Elementaren Bildern des
Spätwerks zeigt die Schirn als dritte Besonderheit erstmals eine umfangreiche
Auswahl von Nays insgesamt über 2500 Bleistift-, Filzstift- und Tuschezeichnungen
aus seinem Spätwerk.
Die meisten dieser hauptsächlich im DIN A4-Format entstandenen Zeichnungen
sind lineare Strukturen in der Kunsthalle 24,80 €.
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Frankfurt