Der
Meister von Flémalle und Rogier van der Weyden
Ausstellung Städel-Museum, Frankfurt, bis 22. Februar 2009
Der Meister von Flémalle (häufig mit dem in Tournai tätigen
Künstler Robert Campin gleichgesetzt) und Rogier van der Weyden (der
nachweislich zwischen 1427 und 1432 in der Campin-Werkstatt tätig war)
sind neben den Brüdern van Eyck für die Entstehung und frühe
Entwicklung der niederländischen Malerei von zentraler Bedeutung.Sie
stehen für die Entdeckung der sichtbaren Welt, die dank einer raffinierten
neuen Maltechnik, der Ölmalerei, in bis dahin ungesehener detailrealistischer
Manier geschildert wird. Auch wenn der Meister von Flémalle und Rogier
van der Weyden zu den bedeutendsten und innovativsten europäischen Künstlern
des 15. Jahrhunderts zählen, auch wenn ihre detailreich-opulenten und
erzählenden Gemälde zu den schönsten und populärsten
Werken der Kunst an der Wende vom Mittelalter zur Neuzeit gehören, so
hat es bis heute doch noch keine monographische Ausstellung gegeben, die
sich diesen beiden Malern und ihrem Werk gewidmet hat. Dabei ist gerade die
Abgrenzung der jeweiligen Werkkomplexe bis heute umstritten. Allein vier
monumentale Buchmonographien, die zu teilweise drastisch divergierenden Antworten
auf diese Frage kamen, wurden den beiden Künstlern in den letzten Jahren
gewidmet. In dieser Situation bietet die vom Städel Museum gemeinsam
mit der Gemäldegalerie der Staatlichen Museen zu Berlin organisierte
Ausstellung erstmals die große Chance, in dieser kontroversen Frage
auf der Basis des direkten Vergleichs zu überzeugenden Antworten zu
gelangen.
Während
es sich bei dem weltberühmten Brüssler Stadtmaler Rogier van der
Weyden (1399/1400-1464) um eine in den zeitgenössischen Quellen klar
fassbare historische Persönlichkeit handelt, ist die Sachlage beim
Meister von Flémalle komplizierter. Denn bei ihm haben wir es mit
einem artifiziellen Geschöpf der Stilkritik zu tun, das nur bedingt
mit einer historischen Gestalt zu verbinden ist. Seit der Mitte des 19.
Jahrhunderts befinden sich drei eindrucksvolle Tafelbilder im Städel
Museum, die dem Meister von Flémalle seinen Namen gegeben haben,
glaubte man damals doch irrtümlicherweise, sie stammten aus dem
bei Lüttich im Maastal gelegenen Ort Flémalle: die ihr Kind
stillende Madonna, die das Schweißtuch Christi präsentierende
heilige Veronika und schließlich der "Gnadenstuhl",
eine Darstellung Gottvaters, der seinen toten Sohn im Arm hält, und
der Taube des Heiligen Geistes. Diese Tafelbilder, einst Flügel
eines ansonsten untergegangenen monumentalen Altarretabels, gehören
neben dem etwa gleichzeitig entstandenen Genter Altar der Brüder
Van Eyck zu den bedeutendsten Werken der frühniederländischen
Malerei. Um die Frankfurter Gemälde und den nach seinen früheren
Besitzern benannten "Mérode-Altar"– heute
eines der Hauptwerke des Metropolitan Museum of Art in New York und
gleichfalls in der Ausstellung zu sehen – wurde kurz vor 1900 allein
auf Grundlage stilistischer Vergleiche das "Werk" des Meisters
von Flémalle gruppiert.
Denn
das Städel Museum in Frankfurt und die Gemäldegalerie der Staatlichen
Museen zu Berlin verfügen über unvergleichliche Bestände zum
Meister von Flémalle und zu Rogier van der Weyden, die in dieser Ausstellung
erstmals zusammengeführt werden. Ergänzt werden diese durch zahlreiche
glanzvolle Leihgaben aus den großen Museen der Welt wie der National
Gallery in London, dem Museo del Prado in Madrid, dem Metropolitan Museum
of Art in New York, dem Musée du Louvre in Paris, der Staatlichen
Eremitage in St. Petersburg, der National Gallery of Art in Washington oder
dem Kunsthistorischen Museum in Wien. Insgesamt über 50 Meisterwerke
der beiden Künstler – nahezu alle erhaltenen und transportfähigen
Gemälde – werden aus diesem Anlass vereint. Viele der hier gezeigten
Werke sind noch nie zuvor ausgeliehen worden, die allermeisten werden überhaupt
zum ersten Mal in dieser Ausstellung zusammen zu sehen sein. Die Schau bietet
damit die singuläre Möglichkeit, die Bilderwelt zweier der bedeutendsten
und einflussreichsten Künstler des 15. Jahrhunderts in noch nie dagewesener
Qualität und Dichte zu erleben. Für das Städel Museum und
seine hochkarätige Sammlung altniederländischer Malerei bedeutet
diese Ausstellung einen Meilenstein innerhalb der Altniederländer-Forschung,
die seit vielen Jahren am Hause intensiv betrieben wird. Der in deutscher und
englischer Ausgabe bei Hatje Cantz erschienene Katalog, hg. Stephan Kemperdick
und Jochen Sander, mit 404 S. und 303 Abb., kostet 34,90
€.
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