Konstantin Somow: Buchumschlag für Konstantin Balmonts 'Feuervogel', 1907Russland 1900

Kunst und Kultur im Reich des letzten Zaren. Ausstellung Institut Mathildenhöhe, Darmstadt, bis 1. Februar 2009

Von der Krönung des Zaren 1896 bis zur Oktoberrevolution von 1917 spannt sich der Bogen dieser internationalen Schau mit Leihgaben aus St. Petersburg, Moskau, London, Berlin, Straßburg und Paris. Zahlreiche Meisterwerke aus den Bereichen Kunst und Kunsthandwerk, Architektur, Möbeldesign, Bühnenkunst, Film und Fotografie machen auf der Mathildenhöhe eines der spannendsten Kapitel der Kulturgeschichte um 1900 erfahrbar: Russland zur Zeit des letzten Zaren, ein Reich von ungeheurer Ausdehnung und dynamischer Wirtschaftskraft in voller kultureller Blüte – und doch dem Untergang geweiht.

Leonid A. Wesnin: Die Villa N. L. Tarassow, 1910Das Spektrum der vertretenen Kunstrichtungen reicht dabei von neorussischen Werken mit ihrer Betonung der kulturellen Wurzeln über den westlich beeinflussten Jugendstil bis hin zur internationalen Avantgarde der Bühnenkunst, die bildnerische Fanale in einer Zeit radikaler Umbrüche setzt. Bedeutende, aber auch überraschende Werke von Repin, Wrubel und Kandinsky bis hin zu Tatlin und Malewitsch dokumentieren eine ebenso glanzvolle wie dramatische Epoche zwischen Tradition und Revolution. Auf der Mathildenhöhe Darmstadt entfaltet sich das kulturhistorische Panorama an einem authentischen Schauplatz deutschrussischer Geschichte: "Die Ausstellung könnte an kaum einem Ort außerhalb Russlands sinniger sein: Nur wenige Meter vom historischen Ausstellungsgebäude entfernt leuchten die goldenen Kuppeln der Russischen Kapelle, erbaut zwischen 1897 und 1899 im Auftrag des Zaren Nikolaus II.", so Museumsleiter Dr. Ralf Beil. Als einzige Hofkirche des Zarenpaars außerhalb Russlands macht die Russische Kapelle die engen dynastischen Verbindungen des Großherzogtums Hessen mit der russischen Herrscherfamilie auf beeindruckende Weise sichtbar: Zarin Alexandra Fjodorowna, vormals Alix von Hessen, war eine Darmstädterin, das Zarenpaar weilte zwischen 1896 und dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges immer wieder in der Residenzstadt der Großherzöge von Hessen und bei Rhein. Insgesamt entsteht ein spannendes und facettenreich konturiertes Gesamtbild einer bewegten und bewegenden Epoche, deren Auswirkungen Russland bis heute prägen.

Kasimir S. Malewitsch: Kostümentwurf für den Dickwanst in der Oper 'Sieg über die Sonne' von Michail M. Matjuschin und Alexei Krutschonych, 1913Das reich illustrierte Katalogbuch "Russland 1900. Kunst und Kultur im Reich des letzten Zaren" (416 S., 350 Abb., 45,- €) erweitert und vertieft die Themen der Ausstellung und erschließt damit ein bislang wenig beleuchtetes Kapitel russischer Kulturgeschichte. Es präsentiert nicht nur die künstlerischen Hauptströmungen, die maßgeblichen Künstlerkolonien und Zeitschriften jener Zeit, sondern stellt alle Gattungen von der Malerei, Skulptur und Grafik über Architektur und angewandte Kunst bis hin zu Theater, Musik und Literatur in fundierten Essays vor. Zentrale historische Ereignisse spiegeln sich in signifikanten Quellentexten, während die markanten Wendepunkte der Schwellenjahre 1905 und 1913 in eigenen Essays lebendig werden.

Ergänzt wird das Ausstellungsprogramm durch zahlreiche Begleitveranstaltungen, an denen sich neben der Mathildenhöhe Darmstadt viele weitere Kulturinstitute der Stadt beteiligt haben. So erwartet den Besucher ein vielseitiges Programm von Fachvorträgen und Lesungen auf der Mathildenhöhe, russischen Badenächten im Jugendstilbad, einer Tschechow-Inszenierung sowie einem Sinfoniekonzert mit Skrjabin und Strawinsky im Staatstheater bis hin zur Russendisko mit Wladimir Kaminer in der Centralstation und Vorlesestunden mit russischen M ärchen in der Stadtbibliothek.

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