Bunte GötterBunte Götter

Die Farbigkeit antiker Skulptur. Ausstellung Liebieghaus – Skulpturensammlung, Frankfurt, bis 15. Februar 2009

Die antike Marmorskulptur war nicht weiß, sondern bunt. Davon berichten antike Schriftquellen in überwältigender Fülle. Die unumstößliche Tatsache einer farbigen antiken Skulptur ist in der italienischen Renaissance verdrängt und im 19. Jahrhundert wieder aufgegriffen worden, ehe sie im 20. Jahrhundert zugunsten einer auf Klarheit ausgerichteten Ästhetik erneut in den Hintergrund geriet. Bis heute haben sich an antiken Skulpturen zahlreiche Spuren des ursprünglichen Farbenkleides erhalten. Sie beweisen, dass die griechischen und römischen Statuen Gewänder trugen, die mit aufwändigen Ornamenten und kostbaren Farben verziert waren.

PeploskoreSeit 25 Jahren werden von einem internationalen Forscherteam unter der Leitung von Vinzenz Brinkmann, dem Leiter der Antikensammlung des Liebieghauses, Untersuchungen durchgeführt, die eine Vielzahl von neuen Erkenntnissen erbracht haben. Die aus diesen Forschungsarbeiten hervorgegangene Ausstellung "Bunte Götter", die in Europa und den USA mit Stationen u. a. im J. Paul Getty Museum in Los Angeles und im Arthur M. Sackler Museum der Harvard Universität in Cambridge mit großem Erfolg gezeigt wurde, ist nun in einer wesentlich erweiterten Form im Frankfurter Liebieghaus zu sehen. Sie verbindet ca. 70 Originale, darunter farbige Terrakotten, Marmorskulpturen und Mumienporträts, mit über 30 spektakulären Rekonstruktionen, anhand deren die "bunte Antike" erneut auflebt. Höhepunkt der Ausstellung im Liebieghaus ist die eigens für die Frankfurter Präsentation angefertigte und nun erstmals gezeigte Rekonstruktion des sogenannten "Perserreiters" der Athener Akropolis, dessen Farbigkeit besonders gut erhalten ist.

Die frühgriechische Kunst der sogenannten archaischen Zeit baut ganz wesentlich auf den Errungenschaften der ägyptischen Kultur auf. Zur Verdeutlichung dieser Parallelen wird als Auftakt der Ausstellung eine Auswahl farbiger Skulpturen und Reliefs der Ägypter aus dem reichen Bestand der Sammlung des Liebieghauses präsentiert. Einen Schwerpunkt der Ausstellung bildet die frühe griechische Marmorplastik, die sich durch eine außergewöhnlich reiche und schöne Ornamentik auszeichnet. Durch prächtig verzierte bunte Gewänder, Waffen und Geräte wurde die ästhetische und narrative Aussagekraft der Objekte gesteigert. Eines der bekanntesten Beispiele ist die Figur eines Bogenschützen, des trojanischen Prinzen "Paris", vom Westgiebel des Aphaia-Tempels auf der griechischen Insel Ägina. Die reich bemalte Figur ist in der Ausstellung gemeinsam mit der griechischen Göttin Athena und dem griechischen Bogenschützen Teukros zu sehen. Nicht weniger beeindruckend ist die Figur des "Perserreiters" der Athener Akropolis, die im Tempietto des Liebieghauses inszeniert wird. Die frühgriechische Skulptur wurde in einem aufwändigen 3-D-Verfahren gescannt. Aus den Daten wurde eine originalgroße Kopie in einem marmorähnlichen Werkstoff (PMMA, kristallines Acrylglas) angefertigt.

AlexandersarkophagDie Auswertung der Farbmessung mithilfe der UV-Vis-Absorptionsspektroskopie hat ein sehr differenziertes Bild der verwendeten Pigmente ergeben. Für das stark ornamentierte Gewand der Reiterfigur fanden wertvolle und leuchtende Farben Verwendung, während Mähne, Fell, Schwanz und Hufe mit weniger farbkräftigen Erdpigmenten bemalt waren. Aus ungefähr derselben Zeit wie der „Perserreiter“ stammt das berühmteste Mädchenbildnis der frühgriechischen Kunst, die um 530/20 v. Chr. entstandene sogenannte Peploskore. Spuren von roter, blauer, gelber und grüner Farbe haben sich an Haar, Augen, Gürtel und Gewand des im Jahr 1880 entdeckten Originals erhalten. Unter starkem Streiflicht kamen in jüngster Zeit unerwartet weitere Bemalungen zum Vorschein. Die Statue trug ursprünglich ein zusätzliches, reich mit Tieren besticktes Kultgewand – ein Beleg dafür, dass sie keine einfache junge Frau, sondern eine Göttin, wahrscheinlich Athene oder Artemis, darstellt. Durch die Farbuntersuchungen wurde somit eine neue, spektakuläre Deutung möglich. Weitere Werke wie der kostbare „Alexandersarkophag“ aus der griechischen Klassik oder das eindrucksvolle Porträt des römischen Kaisers Caligula aus der römischen Antike, das in der Ausstellung im Original und als Rekonstruktion zu sehen ist, lieferten den Wissenschaftlern bei der Untersuchung der Farbreste zahlreiche neue Erkenntnisse zur Polychromie und führen den Besucher in die faszinierende Welt der bunten Götter. Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen (ca. 280 Seiten, mit 350 farbigen Abbildungen, 34,90 €).

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