Hans
Meid (1883-1957)
Welt und Gegenwelt. Ausstellung
Museum Giersch, Frankfurt, bis 12. Oktober 2008
Hans Meid (1883-1957) zählt zu den wichtigsten deutschen Graphikern
in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Als Meister der Radierung
und Buchillustration steht er auf einer Stufe mit Max Liebermann, Lovis Corinth
und Max Slevogt. Nach dem Kunststudium an der Karlsruher Akademie und einem
Intermezzo als Porzellanmaler an der Meissener Manufaktur ließ er sich
1908 als freier Künstler in Berlin nieder, wo er sich mit Max Beckmann
befreundete und der Sezession um Max Liebermann beitrat. Meid wurde 1919
Lehrer an der Hochschule für die Bildenden Künste, 1927 Ordentliches
Mitglied der Preußischen Akademie der Künste und erhielt dort
1934 die Leitung des Meisterateliers für Graphik. Nach dem Krieg leitete
er die Klasse für Graphik an der Staatlichen Kunstakademie Stuttgart.
Besonders
in der Radiertechnik treten Meids Meisterschaft, seine Phantasie und Sinnlichkeit
zutage. Meid nutzte die Differenzierungsmöglichkeiten der Kaltnadelradierung
zu reichen Tonabstufungen mit malerischer Wirkung ebenso wie zu dramatischen
Hell-Dunkel-Kontrasten. Liebespaare, Akte, Badende, Reiter und Flaneure stellte
er sowohl in tagheller Heiterkeit als auch in nächtlicher Atmosphäre
dar.
Seine
Stoffe zu Buchillustrationen fand er in der Weltliteratur von der Bibel über
Shakespeare, Goethe, Schiller, Balzac, Hofmannsthal, Hauptmann, Schnitzler
und Klabund bis zu Heinrich und Thomas Mann. Die Illustrationen zu Mozarts "Don
Juan", 1912 von Paul Cassirer vertrieben, und zu Hugo von Hofmannsthals
Komödie "Die Lästigen", 1917 publiziert in der Zweimonatsschrift "Marsyas",
verweisen auf seine Neigung zu Musik und Bühne. Für die ebenfalls
von Cassirer herausgegebenen Mappen mit Illustrationen zu Goethes Gedichten
gestaltete Meid 1925 die Lithographien zu Natur- und Liebesgedichten, in
denen er gekonnt das Atmosphärische der literarischen Vorlage aufs Papier übertrug.
Daneben findet sich eine Fülle an Graphiken, deren Witz an Menzel und
Slevogt erinnert, sowie an freikünstlerischen Kompositionen – etwa den
Berliner Tiergartenlandschaften –, deren atmosphärische Dichte der Liebermanns
ebenbürtig ist. Die Beteiligung an den Künstlerflugblättern "Kriegszeit" (1915)
zeigt, dass Meid vor der Tagesrealität keineswegs die Augen verschloss.
Dem bewusst wahrgenommenen Grauen stellte er aber einen Gegenentwurf zur
Seite: bevölkerte Ideallandschaften, unversehrte Städte - etwa
eine Ansicht des Frankfurter Doms - und Szenen aus dem Berliner Leben. Ab
1926 folgten italienische Sujets, Gassen, Dome, Palazzi, alte Gemäuer,
Mädchen auf venezianischen Balkonen, am Fenster oder bei der Morgentoilette.
Der Zweite Weltkrieg verhinderte die Veröffentlichung der Illustrationen
zu Heines "Buch der Lieder", zu Cervantes "Don Quijote",
zu den "Tolldreisten Geschichten" von Balzac und zu Voltaires "Candide".
Diese besonders gelungenen Entwürfe – Federzeichnungen – wurden bisher
noch nie der Öffentlichkeit zugänglich gemacht und sind in der
Ausstellung nun erstmals zu sehen.
In Zusammenarbeit mit dem Stadtmuseum Berlin präsentiert das Museum
Giersch diese umfassende Retrospektive in Frankfurt am Main.
Hier stiftete der Sohn des Künstlers, Max Meid, 1993 den Hans-Meid-Preis
für
Buchillustrationen. Seither konnten sieben Künstler für besondere
Leistungen der Buchkunst und der Illustration von Literatur ausgezeichnet
werden. Daneben förderte die Hans-Meid-Stiftung 16 Nachwuchskünstler
und vergibt in diesem Jahr zum achten Mal die Hans-Meid-Medaille. eine Präsentation
von Arbeiten der Preis- und Medaillenträger – darunter der in
diesem Jahr ausgezeichnete Tomi Ungerer – ergänzt die Ausstellung
um graphische und illustrative Werke der Gegenwart.
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