A. R. Penck Retrospektive
Ausstellung in der Schirn Kunsthalle Frankfurt, 15. Juni bis 16. September
2007
Wie kaum ein anderer deutscher Künstler steht A.R. Penck, ursprünglich
Ralf Winkler, für die Erneuerung der Malerei in Deutschland. Bereits
in der DDR thematisiert Penck immer wieder die Beziehung zwischen Individuum
und Gesellschaft. Nach seiner Ausbürgerung 1980 schafft er mit seinem
unverwechselbaren Stil aus abstrahierten Figuren und Bildzeichen ein universales
Vokabular, in dem die Erinnerung an den Beginn der Malerei mit der aktuellen
Zeitgeschichte und der modernen Naturwissenschaft zu einer einprägsamen
Bildwelt verschmilzt. Diese erste große Überblicksausstellung
in Deutschland nach 20 Jahren zeigt Pencks Werk vor dem Hintergrund veränderter
gesellschaftlicher und kunstimmanenter Kontexte und Rezeptionsweisen. Mit
rund 130 großformatigen Gemälden sowie Künstlerbüchern,
Skulpturen und Objekten, die von 1961 bis heute entstanden, präsentiert
sie den Künstler mit seinen wichtigsten Themen und Werkgruppen.
Max Hollein, Direktor der Schirn Kunsthalle Frankfurt: "Viele Werke von
A.R. Penck sind lange Jahre nicht mehr zu sehen gewesen, andere ständiger
Bestandteil großer öffentlicher
Sammlungen. Es ist unser ausdrückliches Ziel, eine charakteristische
Gesamtdarstellung dieses bereits fast 50 Jahre umfassenden Schaffens zu präsentieren.
Dabei kommt gerade auch Pencks mediale Vielseitigkeit sowie der beeindruckende
geistige Kosmos zum Ausdruck, der sich nicht nur in den Gemälden, sondern
auch über seine zahlreichen Texte erschließen lässt."
Dass
Penck, 1939 als Ralf Winkler in Dresden geboren, Mitte der 1960er Jahre unter
Zusatz von R. (Ralf) im Vornamen als erstes und bis heute gültiges
Pseudonym den Geologen und Eiszeitforscher Albrecht Penck (1858–1945)
gewählt hat, wurde
oft auch als Kommentar zum Kalten Krieg gedeutet. Der zweite Bezugspunkt
sind die Parallelen zwischen Pencks Zeichenwelt und den Bildfindungen der Höhlenmalerei
der Eiszeit. Penck begründete seine Wahl – der später noch Pseudonyme
wie "Mike Hammer", "Mitchel Hammer", "Tancred
Mitchell", "Theodor Marx" sowie mathematische Zeichen wie a
Y (a.r. penck) folgten – damit, dass er eine
gewisse Analogie zwischen "abgelagerter Information und Geologie" gesehen
habe. Der archäologische Rückgriff habe seine Malerei wesentlich
befruchtet und beeinflusst. Nachdem Penck bereits Ende der 1950er Jahre eigene
Wege jenseits von traditioneller Kunst und sozialistischem Realismus gesucht
hatte, entstanden ab 1961 die sogenannten "Weltbilder", die bereits die
zweidimensionalen reduzierten und anonymen "Strichmänner" zeigen.
Es sind Versatzstücke
seines Interesses an prähistorischer Malerei, eine Kombination aus Figuration
und Abstraktion, die zu seinem Markenzeichen werden
sollte. Auf seinem ersten "Weltbild", das Penck als modernes
Historienbild beschreibt, ist eine Gruppe von Individuen dargestellt, Schilder
mit mathematischen Formeln werden hochgehalten, es wird gekämpft, umarmt,
marschiert, Waffen werden gezückt. Trotz der
Deutlichkeit und Wiedererkennbarkeit mancher Szenen und Symbole ist die Lesart
alles andere als eindeutig. Penck erzählt keine Bildergeschichten, sondern
verknüpft in seinen komplexen
Kompositionen stets Individuelles und Allgemeines zu zeitlosen Wahrheiten.
Der Informationsbegriff wie auch der Begriff der visuellen Information sowie
die Theorie des abstrakten Automaten gewinnen ab den 1960er Jahren eine
immer größere
Bedeutung für Penck. Ebenso wichtig wird die Sprache der Kybernetik
mit ihrem hohen Abstraktionsgrad und dem Begriff des Systems. Penck schreibt
heute dazu: "Das ist alles in meine Malerei
eingeflossen und brachte mich dazu, über Bildlogik nachzudenken und
praktisch zu experimentieren. Das hat mich zum Standart-Begriff geführt,
zu zahlreichen Versuchen über Zeichen
und Zeichenräume und den Signalcharakter von Zeichen und Symbolen.
Der Systembegriff war etwas Wesentliches und Übergreifendes. Bild
als System – System als Bild. Mit dieser für
mich neuen Bildmethodik änderten sich meine Motive und Themen. Sie
wurden allgemeiner und politischer. Der Kalte Krieg zwischen
Ost und West war das Thema der ersten 'Weltbilder' und 'Systembilder'."
Pencks "Standart-Bilder" sind seine Form politischer Konzeptkunst,
die als konstruktiver Beitrag zum Sozialismus gedacht war. Die Bilder
sollten als für jedermann verständliche
und benutzbare Bildzeichen funktionieren. Mit dem Programm einer Reduktion
des Bildes auf Zeichen und Symbole, die Verhalten steuern und strukturieren,
sollte eine herrschaftsfreie Kommunikation entstehen und die Diskussion über
die Kunst beeinflusst werden. In der Realität
seiner Bilder verwandelt Penck aber das Vokabular in eine weitaus vielschichtigere
Welt. In dieser finden sogar scheinbar gegenläufige Tendenzen wie
Magie und Geheimnis ihren Raum und tragen zur Faszination der Werke bei.
Neben den "Standart-Bildern" hat Penck auch eine Reihe
von "Standart-Modellen" geschaffen: bemalte und beschriftete
Kartonplastiken, die in ihrer "armen"Ästhetik
an Fluxus und an Beuys denken lassen.
Der
Standart-Realismus scheitert 1968 an der Realität, die von den Repräsentanten
der neuen Herrschaft im Osten bestimmt wird. Die Erfahrung der Demaskierung des real
existierenden Sozialismus schlägt sich in Pencks Werk in der "Mike Hammer"-
und "TM"-Serie nieder, deren Bilder deutlich aggressiver und expressiver sind
und Titel wie "Mike Hammers Geburt – Die Wurzeln des Faschismus"
tragen. In den 1970er Jahren arbeitet Penck in zahlreichen unterschiedlichen Medien,
produziert Filme, Objekte, Holzskulpturen und seine bedeutenden Künstlerbücher
und experimentiert sogar mit surrealen Kompositionen. Parallel zu dem zunehmenden Druck
im Osten – Penck durfte bereits seit 1962 in der DDR nicht mehr öffentlich
ausstellen – verzeichnet Penck aber große Erfolge im Westen und nimmt an
der Biennale und der documenta teil.
Nach seiner Ausbürgerung aus der DDR und Übersiedlung in den Westen
1980 arbeitet der Künstler unablässig weiter. Er muss jedoch
zugleich die große Veränderung
in seinem Leben verarbeiten: Es entstehen zahlreiche Werke zum Thema Ost-West,
mit denen ein stilistischer Wandel zu stärkerer Farbigkeit und Räumlichkeit
einhergeht. Elemente der "Angst", "Unruhe",
aber auch "Romantik", wie Penck es selber beschreibt, verschwinden.
In großformatigen Werken wie "Ich in New York" oder "Ich in Dublin"
verarbeitet Penck seine Reisen und die neuen vielf ältigen Eindrücke der westlichen Welt. Bereits 1982 zieht Penck weiter nach London, wird 1989 Professor in Düsseldorf und lebt seit seiner Emeritierung 2003 in Dublin.
Penck hat den Osten einmal als die Wüste und den Westen dagegen als
Dschungel beschrieben. Die beiden sehr unterschiedlichen politischen Systeme,
der Konflikt dieser Welten und seine sehr individuelle und bis heute ausgeprägte
philosophisch-politische Grundhaltung bleiben Pencks großes Thema.
Die Ausstellung wird durch die Bank of America N. A. gefördert. Zusätzliche
Unterstützung erfährt sie durch die Škoda Auto Deutschland GmbH. Nach d
er Präsentation in der Schirn wird die Ausstellung in der Kunsthalle zu Kiel sowie
im Musée d'Art moderne de la Ville de Paris gezeigt. Der Katalog, hg.
von Ingrid Pfeiffer und Max Hollein, mit Texten von Isabelle Graw, Harald Kunde, Ingrid Pfeiffer, Kevin Power, Pirkko Rathgeber, Jürgen Schweinebraden Freiherr zu Wichmann-Eichhorn, erscheint als
deutsch-englische Ausgabe, 306 Seiten, mit etwa 335 farbigen Abbildungen, und kostet
in der Ausstellung 34,– €.
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