|
|||||||||
|
|
Christian Boltanski: ZeitDarmstadt, Institut Mathildenhöhe, 12. November 2006 bis 11. Februar 2007 Am 18. Oktober 2006 wurde Christian Boltanski mit dem Nobelpreis der Künste, dem Praemium Imperiale ausgezeichnet. Zu Recht. Denn der Franzose Christian Boltanski (*1944), einer der wichtigsten Gegenwartskünstler weltweit, ist ein Meister der Inszenierung von Situationen und Räumen. In ihnen evoziert und befragt er machtvoll zentrale Parameter menschlichen Daseins wie Lebenszeit, Identität, Körper, Tod und Vermächtnis. Für "Zeit", seine erste große monographische Schau in Deutschland seit zehn Jahren, verbindet Christian Boltanski bereits bestehende sowie neue, eigens für die Ausstellung auf der Mathildenhöhe Darmstadt entwickelte Arbeiten zu einer einzigen raumübergreifenden Totalinstallation. Hochkarätige Leihgaben aus den Sammlungen des Musée national d’art moderne, Centre Pompidou Paris und dem dänischen ARKEN Museum of Modern Art sind ebenso zu erleben wie bislang kaum bekannte frühe Filme des Künstlers. Die kathedralhohen Säle des Ausstellungsgebäudes Mathildenhöhe werden dabei zum Echoraum seiner Autobiographie, die – ob nun fiktiv oder real – stets seine Kunst der Erinnerung grundiert.
Diese beiden Toninstallationen stehen für einen Paradigmenwechsel in Christian Boltanskis Œuvre. Schob der Künstler früher immer neue Distanzierungsmomente und doppelte Böden in seine Kunst ein, fiktionalisierte Geschichte und Biografie, seine eigene ebenso wie die anderer Menschen, so ist es heute sein Herz, das wir schlagen hören und seine Lebenszeit, die unerbittlich abläuft. Es sind seine Dokumente in den Vitrinen (La vie impossible de C. B., 2001), seine Toten an der Wand (Mes morts, 2002), seine Kranken im Saal (Les lits, 1997/98), und es ist sein Gesicht, das unaufhörlich altert (Entre temps, 2003). "Damals handelte es sich um den Tod der anderen. Heute wird es mehr und mehr mein eigener Tod." Deshalb zeigt "Zeit" auch eine Auswahl seiner bislang kaum bekannten frühen Filme. Familienmitglieder spielen dort das Alter Ego des Künstlers und zeichnen, so man Boltanskis heutigen Worten über seine Kindheit Glauben schenkt, ein atmosphärisch genaues Bild der Enge und Bedrängnis von Physis wie Psyche (L’homme qui tousse, 1969), ein zugespitztes Bild von Isolation und lakonischer Hoffnungslosigkeit (Essai de reconstitution des 46 jours qui précédèrent la mort de Françoise Guiniou, 1971). Unterschiedlichste Aspekte von Zeit drängen sich in Boltanskis Arbeiten des letzten Jahrzehnts immer mehr in den Vordergrund, subjektive wird mit objektiver Zeit, Lebenszeit mit Weltzeit kontrastiert. Doch die Ausstellung »Zeit« verdichtet nicht nur Christian Boltanskis Zeit-Bilder, sondern darüber hinaus auch die Zeit seines Werkverlaufs, um Grundlinien seiner Arbeit sichtbar zu machen. Die zwanghafte Autoaggression jenes Mannes, der rote Farbe wie Blut hustet, begegnet so der Gewalt des Publikums im Scratch Room (2002/2006), das durch die Freilegung der Fotos von Opfern unweigerlich zum Täter wird. Die qualvoll stillen sechsundvierzig Tage bis zum Tod der Françoise Guiniou folgen dem nervtötend zwitschernden Mediengewitter der sechzig 6 septembres (2005), die in zweitausendfacher Beschleunigung über die Projektionsleinwände flackern – das Einzelschicksal ist letztlich ebenso wenig fassbar wie das kollektive Gedächtnis eines Jahrhunderts. Weitere Werke und Installationen der Ausstellung "Zeit": Bébés négatifs (2002), Les containers (2006), Zeyt (2001), Tot (2001), Prendre la parole II (2006), Les regards (2004/2006).
Das in enger Zusammenarbeit mit dem Künstler entwickelte Katalogbuch zur Ausstellung »Zeit«, herausgegeben von Ralf Beil, lotet den ganz und gar eigenen Raum der Kunst Christian Boltanskis mit philosophischen, literarischen und kunstwissenschaftlichen Beiträgen von Aleida Assmann, Samuel Beckett, Ralf Beil, Jorge Luis Borges, Franz Kafka, Tadeusz Kantor, Gabriel Ramin Schor, W.G. Sebald, Werner Spies und Andrej Tarkowskij sowie einem umfassenden Interview von Ralf Beil mit dem Künstler aus. Die reich bebilderte Publikation erscheint bei HatjeCantz in einer deutschen und einer englischen Ausgabe, 22 x 28 cm, 156 S., 114 Abb., davon 82 farbig. Preis: € 29, - in der Ausstellung, € 35,- im Buchhandel. |
|
|||||||
|
|
|||||||||
| Suche | Archiv | Kontakt | Impressum | Sitemap | |||||||||