Boltanski: Portrait chinois de C.B., 2006

Christian Boltanski: Zeit

Darmstadt, Institut Mathildenhöhe, 12. November 2006 bis 11. Februar 2007

Am 18. Oktober 2006 wurde Christian Boltanski mit dem Nobelpreis der Künste, dem Praemium Imperiale ausgezeichnet. Zu Recht. Denn der Franzose Christian Boltanski (*1944), einer der wichtigsten Gegenwartskünstler weltweit, ist ein Meister der Inszenierung von Situationen und Räumen. In ihnen evoziert und befragt er machtvoll zentrale Parameter menschlichen Daseins wie Lebenszeit, Identität, Körper, Tod und Vermächtnis.

Für "Zeit", seine erste große monographische Schau in Deutschland seit zehn Jahren, verbindet Christian Boltanski bereits bestehende sowie neue, eigens für die Ausstellung auf der Mathildenhöhe Darmstadt entwickelte Arbeiten zu einer einzigen raumübergreifenden Totalinstallation. Hochkarätige Leihgaben aus den Sammlungen des Musée national d’art moderne, Centre Pompidou Paris und dem dänischen ARKEN Museum of Modern Art sind ebenso zu erleben wie bislang kaum bekannte frühe Filme des Künstlers. Die kathedralhohen Säle des Ausstellungsgebäudes Mathildenhöhe werden dabei zum Echoraum seiner Autobiographie, die – ob nun fiktiv oder real – stets seine Kunst der Erinnerung grundiert.

Boltanski: Lost, Installation New York, Grand Central Terminal, 1995Zwei Werke stehen paradigmatisch für die Ausstellung "Zeit". Da ist zum einen das Herz des Künstlers. Es schlägt auf der Mathildenhöhe Darmstadt: am Anfang der Ausstellung, am Ende eines langen, schmalen Korridors. Eine Glühbirne leuchtet dort auf und erlischt, synchronisiert mit der Tonspur des Herztaktes von Christian Boltanski. Verstärker lassen uns gleichsam in den Künstler hineinhorchen, seinen Lebensrhythmus hören. Le cœur (2005) – ein Dokument radikal subjektiver Lebenszeit und ihrer Fragilität. Da ist zum anderen die automatische Zeitansage. Sie spricht auf der Mathildenhöhe Darmstadt: am Ende der Ausstellung, aus allen vier Ecken der großen Halle. "Beim nächsten Ton ist es … Beim nächsten Ton ist es …" Horloge parlante (2003) realisiert die Weltzeit in ihrer gnadenlosen Unerschütterlichkeit. Ohne eine Möglichkeit des Entkommens vergeht die Zeit. Boltanski selbst vergleicht sie mit der Mitleidlosigkeit von Chronos: "Angesichts dieses von jedwedem menschlichen Schicksal ungerührten griechischen Gottes, der weder Gut noch Böse kennt, werden alle menschlichen Bemühungen, das Leben selbst, der Kampf gegen den Tod, der Versuch, irgendetwas zu tun, nichtig. Denn eines ist stärker als wir, und zwar das ewige Fortschreiten der Zeit, die nie anhält und zwangsläufig zum Tod führt."

Diese beiden Toninstallationen stehen für einen Paradigmenwechsel in Christian Boltanskis Œuvre. Schob der Künstler früher immer neue Distanzierungsmomente und doppelte Böden in seine Kunst ein, fiktionalisierte Geschichte und Biografie, seine eigene ebenso wie die anderer Menschen, so ist es heute sein Herz, das wir schlagen hören und seine Lebenszeit, die unerbittlich abläuft. Es sind seine Dokumente in den Vitrinen (La vie impossible de C. B., 2001), seine Toten an der Wand (Mes morts, 2002), seine Kranken im Saal (Les lits, 1997/98), und es ist sein Gesicht, das unaufhörlich altert (Entre temps, 2003). "Damals handelte es sich um den Tod der anderen. Heute wird es mehr und mehr mein eigener Tod." Deshalb zeigt "Zeit" auch eine Auswahl seiner bislang kaum bekannten frühen Filme. Familienmitglieder spielen dort das Alter Ego des Künstlers und zeichnen, so man Boltanskis heutigen Worten über seine Kindheit Glauben schenkt, ein atmosphärisch genaues Bild der Enge und Bedrängnis von Physis wie Psyche (L’homme qui tousse, 1969), ein zugespitztes Bild von Isolation und lakonischer Hoffnungslosigkeit (Essai de reconstitution des 46 jours qui précédèrent la mort de Françoise Guiniou, 1971).

Unterschiedlichste Aspekte von Zeit drängen sich in Boltanskis Arbeiten des letzten Jahrzehnts immer mehr in den Vordergrund, subjektive wird mit objektiver Zeit, Lebenszeit mit Weltzeit kontrastiert. Doch die Ausstellung »Zeit« verdichtet nicht nur Christian Boltanskis Zeit-Bilder, sondern darüber hinaus auch die Zeit seines Werkverlaufs, um Grundlinien seiner Arbeit sichtbar zu machen. Die zwanghafte Autoaggression jenes Mannes, der rote Farbe wie Blut hustet, begegnet so der Gewalt des Publikums im Scratch Room (2002/2006), das durch die Freilegung der Fotos von Opfern unweigerlich zum Täter wird. Die qualvoll stillen sechsundvierzig Tage bis zum Tod der Françoise Guiniou folgen dem nervtötend zwitschernden Mediengewitter der sechzig 6 septembres (2005), die in zweitausendfacher Beschleunigung über die Projektionsleinwände flackern – das Einzelschicksal ist letztlich ebenso wenig fassbar wie das kollektive Gedächtnis eines Jahrhunderts. Weitere Werke und Installationen der Ausstellung "Zeit": Bébés négatifs (2002), Les containers (2006), Zeyt (2001), Tot (2001), Prendre la parole II (2006), Les regards (2004/2006).

Boltanski: Zeyt, Installation, Kewenig Galerie Köln, 2001Dem Lebensthema von Christian Boltanski, der Verschränkung von Geschichte, Autobiografie und Fiktion, ist der erste Rahmenprogrammschwerpunkt gewidmet. Der Bogen spannt sich hier von einer Lesung mit dem ungarischen Nobelpreisträger Imre Kertész, der just diese Dreiheit schreibend realisiert, über den Kindertag Petit Christian, der in Foto- und Suchaktionen spielerisch ein Bewusstsein dieser Themen evozieren wird, bis hin zum wissenschaftlichen Symposium Geschichte, Autobiografie und Fiktion in Kunst und Literatur, bei dem Literatur- und Kunstwissenschaftler mit Schriftstellern und Künstlern in Dialog treten werden.

Das in enger Zusammenarbeit mit dem Künstler entwickelte Katalogbuch zur Ausstellung »Zeit«, herausgegeben von Ralf Beil, lotet den ganz und gar eigenen Raum der Kunst Christian Boltanskis mit philosophischen, literarischen und kunstwissenschaftlichen Beiträgen von Aleida Assmann, Samuel Beckett, Ralf Beil, Jorge Luis Borges, Franz Kafka, Tadeusz Kantor, Gabriel Ramin Schor, W.G. Sebald, Werner Spies und Andrej Tarkowskij sowie einem umfassenden Interview von Ralf Beil mit dem Künstler aus. Die reich bebilderte Publikation erscheint bei HatjeCantz in einer deutschen und einer englischen Ausgabe, 22 x 28 cm, 156 S., 114 Abb., davon 82 farbig. Preis: € 29, - in der Ausstellung, € 35,- im Buchhandel.

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