Max Beckmann: Paul Cassirer in Uniform, 1915

Ein Fest der Künste

Der Kunsthändler Paul Cassirer als Verleger, Jüdisches Museum Frankfurt, 27. Juli bis 29. Oktober 2006

Eine herausragende Rolle als Vermittler der modernen Kunst in Deutschland spielte der Kunsthändler Paul Cassirer. Seiner Tätigkeit als Verleger widmet das Jüdische Museum Frankfurt erstmals eine Ausstellung, die zahlreiche Gemälde und Zeichnungen "seiner" Küstler wie Kokoschka oder Liebermann zeigt. Cassirers Einsatz für seine Künstler und Autoren war oft selbstlos. Er kannte keine Rücksichtnahme auf den Publikumsgeschmack und er trat ein für das, was er für sich als Qualität erkennen konnte. Paul Cassirer war ein hochgebildeter, erfolgreicher Vermittler der klassischen Moderne. 1909 hatte Paul Cassirer dem damals noch unbekannten Beckmann den ersten Illustrationsauftrag erteilt. 1913 gab Cassirer die erste Monographie über Beckmann heraus.

Das Jüdische Museum zeigt die sonst weit verstreuten Kunstwerke aus öffentlichen Sammlungen und die Dokumente, Bücher und Kunstwerke aus dem Archiv des Verlages Cassirer, die sonst nicht öffentlich zugänglich sind. Die Dichte der Originaldokumente und seltenen Editionen im Zusammenspiel mit den wertvollen Kunstwerken von Künstlern wie Oskar Kokoschka, Max Liebermann, Lovis Corinth und Else Lasker-Schüler machen die Einzigartigkeit dieser Ausstellung aus. Max Liebermann gehörte mit Max Slevogt zu den ersten Mitgliedern der Berliner Secession. Es war Max Liebermann, der Paul Cassirer als Geschäftsführer in den Vorstand der Berliner Secession berief. 1912 konnte Paul Cassirer seinen Einfluss noch ausdehnen, als er deren Präsident wurde. Mit den Ausstellungen in seiner Galerie, seinem Verlag sowie der Gründung einer Künstlerwerkstatt für Originalgraphik, der Pan-Presse, sorgte er für den Durchbruch der Moderne in Deutschland.

Else Lasker-Schüler: Mein Herz. Ein Liebesroman mit Bildern und wirklich lebenden Menschen, 1920Die Ausstellung im Jüdischen Museum Frankfurt gibt dem Besucher lebendige Einblicke in die faszinierenden Aspekte des Berliner Kunstbetriebes des ersten Viertels des 20. Jahrhunderts. Mit Bildern, Büchern und Tondokumenten führt sie dem Besucher ein kulturgeschichtliches Panorama vor Augen, in dem diese verschiedenen Gattungen vereint und miteinander in Beziehung gesetzt werden. Die wichtigsten Künstler und Autoren der Kunsthandlung und des Verlages Paul Cassirer werden in ihrer Bedeutung dargestellt. Die Ausstellung steht im Spannungsraum des Übergangs zwischen Impressionismus (Max Liebermann, Lovis Corinth, Max Slevogt) und Expressionismus (Ernst Barlach, Ludwig Meidner, Max Beckmann, Else Lasker-Schüler).

Paul Cassirer, der eine Galerie führte, gründete 1908 zusätzlich einen Verlag und setzte ein erfolgreiches Konzept, Galerie und Verlag zu kombinieren, um. Er verlegte neben Kunstliteratur und Belletristik expressionistische Autoren wie Else Lasker-Schüler und René Schickele. Paul Cassirer strebte an, einen Einklang von Architektur, Musik, Dichtung, Malerei und Plastik zu fördern. Oskar Kokoschka, der 1910 zum ersten Mal in der Galerie Paul Cassirer ausgestellt wurde und dem Galeristen und Verleger eng verbunden blieb, ist in der Ausstellung mit zwei bedeutenden Ölgemälden vertreten, "Pariser Platz" und dem Porträt des Musikers und Leiters der Volksbühne und zeitweiligen Verlagsleiters Leo Kestenberg.

Oskar Kokoschka: Portrait Leo Kestenberg, 1927Cassirers zweite Ehefrau, die Tänzerin und Schauspielerin Tilla Durieux, wurde von den Künstlern der Galerie oft porträtiert. So ist in der Ausstellung u.a. die Skulptur von Hermann Haller "Impression nach Tilla Durieux" zu sehen. Cassirers Leben und sein tragisches Ende sind eng mit dieser Frau verbunden, die als Femme Fatale jener Zeit galt. Ein wichtiges Werk in der Ausstellung ist "Der geblendete Simson" von Lovis Corinth. Dieses Bild war in der Ausstellung bei Paul Cassirer 1913 und in der Berliner Secession 1918 ein bedeutendes Hauptwerk. Es ist Sinnbild des wahren Künstlers und seines Leidens an der Welt. Gerade in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg erfuhr der Bezug auf biblische Themen eine Umdeutung: Neben dem skandalträchtigen und individuellen Bezug spielte die ästhetische und gesellschaftliche Rückbeziehung zur eigenen Zeit eine größere Rolle.

Aus dem Bereich der Musik wird u.a. der "Krämerspiegel" gezeigt, 12 Lieder, die Richard Strauss auf Schmähgedichte des Kritikers Alfred Kerr komponierte (op. 66) und die Cassirer sogleich in einer Mappe herausgab. Mozarts "Zauberflöte", die Cassirer von Max Slevogt nach dem in der Preußischen Staatsbibliothek aufbewahrten Autograph illustrieren ließ und die als eine seiner anspruchsvollen Mappen in der Pan-Presse (XVII, 1920) veröffentlicht wurde, ist ebenfalls in der Ausstellung zu sehen.

Nach Paul Cassirers Tod im Jahr 1926 wurde die Firma von seinen Partnern weitergeführt, bis der "jüdische" Verlag 1933 zu einem erzwungenem Ende kam, während die Kunsthandlung in den Exilländern Holland, England und der Schweiz fortgesetzt werden konnte. Das Goethe-Zitat "Zum Sehen geboren / Zum Schauen bestellt" schmückt das von Georg Kolbe gestaltete Grab auf dem Berliner Friedhof Heerstraße. Goethes Gedichte hatte Paul Cassirer in vier Künstlermappen verlegt, eine davon gestaltet von Max Liebermann, ebenfalls in der Ausstellung zu sehen.

Die Ausstellung ist ein Gemeinschaftsprojekt mit der Stiftung Brandenburger Tor. Das Begleitbuch zur Ausstellung, hg. von Rahel E. Feilchenfeldt und Thomas Raff (425 S. mit 150 Abb., € 29,90) ist im C. H. Beck Verlag erschienen, den Film zur Ausstellung (30 min) gestalteten Jacqueline Kaess-Farquet und Rahel E. Feilchenfeldt.

» zurück

» zum Jüdischen Museum Frankfurt