Reichlich
aufgetischt – Vom Wandel der Esskultur
Heimatmuseum Seulberg, 30. April bis 9. Juli 2006
"Tischlein, deck dich - und das Tischlein war auf einmal mit einem
sauberen Tüchlein bedeckt und stand da ein Teller, ein Messer und
eine Gabel daneben und Schüsseln mit Gesottenem und Gebratenem, soviel
Platz hatten und ein grosses Glas mit rotem Wein leuchtete, das einem das
Herz lachte". So heisst es im Märchen der Gebrüder Grimm,
das im Jahre 1819 veröffentlicht wurde. Tischtuch, Teller, Messer,
Gabel, Schüsseln und Weinglas - Geschirr, das in jener Zeit auf den
gut gedeckten Tisch gehörte. Aber bis dahin war es einweiter Weg,
den diese sinnliche Sonderausstellung der Geschichte der Tischkultur, der
Ess- und Trinksitten sowie der Tischmanieren aufdeckt. In grauer Vorzeit
sassen unsere Vorfahren am Feuer, zerteilten die Beute mit einfachen Werkzeugen
und assen mit den Fingern - von Tischen und Tischmanieren keine Spur. Eine
besondere Tischkultur entwickelte sich im alten Griechenland, wo man zwar
die Häuser nur sparsam möblierte, doch wichtigstes Stücke
war das Speisesofa (Kline) auf dem die Mahlzeiten eingenommen wurden. Doch
diese Gemütlichkeit war allein den Männern vorbehalten, Frauen
sassen auf Stühlen. Nach kärglichem Frühstück und Mittagessen
wurde die Hauptmahlzeit abends eingenommen. Ebenfalls bei den Römern
galt das Liegesofa als wichtigstes Möbel, nur das einfache Volk ass
im Sitzen. üppig und ausgefallen waren die Speisen, wie sie etwa die
Rezeptsammlung von Marcus Gavius Apicius im 1. Jh. v. Chr. überlieferte.
Seither gelten Lebensmittel auch als Statussymbol. Gruppiert waren die
Klinen um den Serviertisch, der jeweils zwischen den Gängen mit einem
Schwamm abgewaschen wurde, das Fleisch tranchierte ein kundiger Sklave.
Unterdessen zerlegten Germanen und Kelten das Essen noch mit dem Kurzschwert
und assen mit den Fingern. In Hallstatt kauten die keltischen Frauen den
Bergmännern das Essen sogar vor.
Noch im 18. Jahrhundert gab es an
vielen Höfen weder Tischtuch noch Teller. Die Speisen wurden - wie
beim einfachen Volk - in Vertiefungen auf einen Eichentisch gelegt. Oft
wurde unmässig gegessen und getrunken. Dabei hatte bereits Karl der
Grosse feinere Tafelsitten gepflegt, wurde in einem würdevollem Zeremoniell
von Truchsess und Mundschenk bedient. Ab dem 11. Jahrhundert verbesserten
sich die Tischsitten allgemein, vereinzelt wurden jetzt auch Damen zur
Tafel zugelassen. An der saßen die Paare zusammen und benutzten gemeinsame
Becher und eine Schüssel. Den Tisch schmückte ein Tuch, das aber
auch zum Abwischen der Hände diente. Für das Benehmen bei Tisch
wurden nun besondere Regeln aufgestellt. Höhepunkt eines festlichen
Essens war ein gebratener Pfau, Schwan oder Fasan, der mit seinem Gefieder
hereingetragen wurde. Am Ende des Mahles wurde die Tafel aufgehoben. Im
12. und 13. Jahrhundert wurden die Tischzuchten immer wichtiger; es war
verpönt, mit vollem Mund zu reden und dem Nachbarn das beste Stück
vor der Nase wegzuschnappen. Löffel und Messer zu benutzen, war seit
dem 16. Jahrhundert üblich. Die Gabel - im Mittelalter noch ein Werk
des Teufels - bürgerte sich nur langsam ein. Sie wurde von den Venezianern übernommen,
die sie zum Essen von Früchten benutzten, damit der Saft ihnen die
Finger nicht färbte.
Die heutige Form des Bestecks entwickelte sich im 17. Jahrhundert. Die
Gabel setzte sich überall durch und bekam die heute übliche Form,
mit drei oder vier gebogenen Zinken. Die Gäste brauchten ihre Bestecke
nicht mehr mitzubringen, denn in jedem Haushalt waren genügend vorhanden.
Parallel dazu entstand eine neue Art von Kochbüchern, die statt bisher
den gesundheitlichen Aspekt den Genuß der Speisen in den Vordergrund
stellten. Weiter verfeinert wurde die Tafelkultur im 19. und zu Beginn
des 20. Jahrhundert. Das eigentliche Gastmahl wurde nun kürzer, dafür
kam die Tischrede in Mode. Die Services bestanden aus vielen besonderen
Einzelteilen. Auch in der Esskultur sind die Auswirkungen zu spüren.
Nach dem Zweiten Weltkrieg begann bei uns die Amerikanisierung mit schnellem
Essen in Selbstbedienungsrestaurants, in denen seither wieder mit den Fingern
gegessen werden darf. Zudem ersetzte das kalte Buffet die Tafelrunde, Cocktailpartys
und das Kaffeekränzchen kamen auf. In den letzten Jahren wird jedoch
wieder vermehrt auf eine reiche Tischdekoration und gut zusammengestellte
Menüs geachtet. Kochbücher und Kochsendungen im Fernsehen boomen
wie nie zuvor, obwohl immer weniger zu Hause gekocht wird. Fast food oder
Tischkultur - wir haben heutzutage die Wahl, entscheidend ist der eigene
Geschmack. An gedeckten Tischen sieht der Ausstellungs-Besucher, wie und
was früher aufgegabelt wurde. Vielleicht geben die historischen Kochbücher
sogar Anregungen für den eigenen Kochtopf.
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