Max Beckmann
"Max Beckmann - Die Aquarelle und Pastelle", Schirn Kunsthalle Frankfurt,
3. März bis 28. Mai 2006; "Maler-Graphik in Schwarz. Der frühe
Beckmann", Städelsches Kunstinstitut Frankfurt, 4. März bis 11.
Juni 2006; "Max Beckmann und Thomas Demand. Klause und Apokalypse",
Museum für Moderne Kunst, Frankfurt, 25. März bis 27. August 2006
Von 1915 bis 1933 lebte und arbeitete Max Beckmann in Frankfurt, u.a.
als Professor an der Städelschule. Nun zeigen nicht weniger als drei
Ausstellungen verschiedene Aspekte seiner Kunst. Dabei wird das gewohnte
Bild kräftig korrigiert: Die Schirn Kunsthalle zeigt den "Maler auf Papier",
und mit diesen Aquarellen und Pastellen wird eine ungekannte leichte, spielerische
Seite des Künstlers offenbar. Anhand von über hundert zum Teil
großformatigen Aquarellen und Pastellen besteht erstmals die Möglichkeit, wesentliche
Teile dieser in alle Welt verstreuten Werke einer gemeinsamen Betrachtung
zu unterziehen. Mit der großen Überblicksausstellung haben die Kuratoren,
Siegfried Gohr und die Enkelin des Künstlers, Mayen Beckmann, das erste Werkverzeichnis
der Aquarelle und Pastelle Beckmanns erarbeitet. Ihr Befund: "Die über
zehn Jahre andauernde Arbeit am Werkverzeichnis der Arbeiten auf Papier hat
deutlich gemacht, dass Beckmanns Arbeiten auf Papier das malerische Werk nicht ergänzen
oder paraphrasieren, sondern dass sich in ihnen häufig etwas Neues ankündigt. Neben
das malerische Werk tritt ein Künstler, der mit Leichtigkeit arbeitet,
der Humor zulässt, der sich dem Reiz des Augenblicks überlässt.
Das Bild des ernsten, an den Problemen der Geschichte und der menschlichen
Existenz leidenden Künstlers erweitert sich um überraschende Züge;
nicht zuletzt wird auch die stupende technische Meisterschaft Beckmanns in
den Papierarbeiten besonders anschaulich."
Max Beckmann hat zu allen Zeiten seiner künstlerischen Laufbahn Gemälde
und Zeichnungen, jedoch nicht kontinuierlich Aquarelle und Pastelle geschaffen.
In seinem Frühwerk bis 1914 strömten nahezu alle künstlerischen
Energien in die Gemälde. Die grauenvollen Kriegserlebnisse – Beckmann
hatte sich 1915 als Freiwilliger zum Sanitätsdienst gemeldet und wurde
nach einem psychischen Zusammenbruch bereits nach wenigen Monaten vom Kriegsdienst
beurlaubt und später entlassen – verarbeitete er fast ausschließlich
in Zeichnungen und Radierungen. Unter den Kriegseindrücken vollzog
er einen radikalen stilistischen Wandel zu einer expressiven Kunst, in
der sich Deformation und Verunsicherung unmittelbar in Technik und bildnerischen
Mitteln wie Sprengung des Bildraums und der Zentralperspektive, Zersplitterung
und hart aneinander stoßenden expressiven Linien spiegeln. Zur Verarbeitung
der Erlebnisse des Kriegsinfernos bediente Beckmann sich häufig christlicher
Themen wie etwa in der Serie von fünf um 1918 entstandenen Gouachen
zur Geschichte des "Verlorenen Sohnes".
Auf diese existenzbedrohende Zeit und deren Ausdruck in seinem durch Gewalt,
Chaos und Ausweglosigkeit geprägten Werk folgte ab den 1920er Jahren
ein neuerlicher, tief greifender Wandel. Beckmann, der sich 1917 fest in
Frankfurt niedergelassen hatte, begann sich nun wieder in eine bürgerliche
Welt einzuordnen. Er war von 1925 bis zu seiner Entlassung durch die Nazis
1933 Professor an der Städelschule und eine wichtige Persönlichkeit
im kulturellen Leben der Weimarer Republik. Die persönliche Konsolidierung
fand sowohl in der Themenwahl als auch in den gestalterischen Mitteln ihren
Niederschlag. Die düsteren, zur Polemik neigenden Anklagen wurden
durch Porträts, Stillleben, Landschaften, badende Menschen, weibliche
Akte und andere Motive – "ein einfach daseiendes Leben" (Beckmann) – abgelöst.
Statt der nackten Gewalt rückten bei Beckmann nun jedoch auch die
Doppelbödigkeit der "Salons", die Maskerade und das Rollenspiel
sowie die Vereinzelung als vordringliches Problem der Gesellschaft in den
Blick.
Farbige Papierarbeiten blieben bis zur Mitte der 1920er Jahre jedoch weiterhin
eine Ausnahme, sodass sie kein eigenes Gewicht neben der Malerei, Zeichnung
und Druckgrafik bilden. Erst ab Ende der 1920er Jahre stieg die Anzahl
der farbigen Blätter an, die nun oft wie großformatige Bilder
angelegt waren. In Pastellen wie "Begegnung in der Nacht" von
1928 ging Beckmann durch die Reduzierung auf wenige Figuren und die Beherrschung
des Bildfeldes durch plastische, prägnant konturierte Körper
neue Wege, die vor allem für seine Triptychen von Bedeutung werden
sollten. Das erste Triptychon, "Abfahrt" aus den Jahren 1932/33,
markiert mit dem Eintauchen in die Welt des Mythos eine entscheidende Wende
in Beckmanns Werk. Beckmann wandelte sich vom kritisch-distanzierten Beobachter
einer aus den Fugen geratenen Gesellschaft in einen Künstler, der
sich durch mythologische Verhüllung zu entziehen versuchte, die Mythologie
aber auch nutzte, um sich einer größeren geschichtlichen und
thematischen Perspektive der Weltbetrachtung zu öffnen. Bildmäßige
Aquarelle wie "Odysseus (Odysseus und Sirene)", "Der
Raub der Europa" oder "Geschwister" aus dem Jahr 1933
stellen einen ersten Höhepunkt in Beckmanns Aquarellkunst dar. Die
Aquarelle von 1933 ermöglichten ihm eine neue Verwendung der Farbe
als eines Elementes, dem Kräfte innewohnen, deren Potenz der Maler
jetzt bejahte und nicht unterdrückte wie in den vorangegangenen Werken.
Im Laufe der dreißiger und vierziger Jahre diente das Aquarell manchmal
der Entspannung von der gedankenreichen Arbeit an den komplizierten Triptychen,
z.B. wenn Landschaften in Bayern, Strandszenen an der Nordsee, Stillleben
oder private Porträts das Thema sind. Andererseits beförderte
die vergleichsweise spontane Aquarelltechnik eine ikonografische Experimentierlust,
die selbst für Beckmann ungewöhnliche Bildfindungen hervorrief.
Nach seinen Erfahrungen mit den Federzeichnungen zu Goethes "Faust
II", die Beckmann während der Kriegsjahre schuf, erscheinen
nach 1945 in seinem Amsterdamer und vor allem ab 1947 in seinem amerikanischen
Exil Blätter in komplizierter Kombination von Feder, Aquarell, Gouache,
Kohle etc.
In einem spannungsreichen Verhältnis zum malerischen Werk, zur Grafik,
zu den zeichnerischen Studien für Kompositionen zeigen die farbigen
Arbeiten auf Papier den Künstler Beckmann im Experiment, in der Entspannung
oder als wachen Beobachter seiner Umgebung. Der höchste Reiz dieser
Arbeiten liegt jedoch darin, dass der Betrachter zum Zeugen eines faszinierenden
Selbstgesprächs wird, das oft durch seine Unmittelbarkeit und Intimität
besticht und auch in seinen Geheimnissen spannend bleibt.
Ebenso sensationell ist Mayen Beckmanns Fund
an historischen Schmalfilmen, die den privaten Beckmann zeigen. "Das sind
richtige Lieschen-Müller-Filme: Ferien, Kamera, 'Jetzt
mach du mal von mir und ich von dir, du Zigarette, ich Ski laufen, du Ski
laufen', wie man das eben bei ganz normalen Leuten tut, ohne jeden Kunstwillen.
Diese massive Figur, als die er sich immer darstellt, die kriegt plötzlich
Beine, die fängt an zu lachen, man sieht, dass er auch albern kann,
was man aus einen Briefen auch kennt. Aber plötzlich hat das ein Bild.
Schon diesen Menschen, der da immer steht und raucht, plötzlich beim
Skifahren fallen sehen, das hat was!"
Den Kern der Ausstellung "Maler-Graphik in Schwarz. Der frühe
Beckmann" im Städel bilden die frühesten Werke des Künstlers
bis 1914 aus eigenem Besitz.. Dazu zählen Illustrationen
zu mythologischen und biblischen Szenen, aber auch Alltagsbilder der Großstadt,
Aktdarstellungen und Bildnisse. Im Vergleich zu Werken prominenter französischer
Vorläufer wie Honoré Daumier und Edouard Manet zeigt sich die überzeugende
Qualität der frühen Druckgraphik Max Beckmanns. Beckmanns druckgraphische
Arbeiten konzentrieren sich auf die Jahre 1911 bis 1925 und 1941 bis 1946
und stehen dabei stets in Wechselwirkung mit den intensiven Bestrebungen
des Malers. Von Beginn an nutzte Beckmann das graphische Schaffen im Verständnis
der Künstlergraphik, die nicht eine Vorlage reproduziert, sondern
eigenständig und in Auseinandersetzung mit den spezifischen Möglichkeiten
der jeweils gewählten Technik in Erscheinung tritt. Die frühe
Phase seines druckgraphischen Schaffens bis zum historischen Einschnitt
des Ersten Weltkrieges findet im Allgemeinen weniger Beachtung als die
der folgenden Jahre. Die Ausstellung zur Maler-Graphik seiner frühen
Jahre ist mit dem Wunsch verbunden, die Frage nach den besonderen Möglichkeiten
zu stellen, die bereits der junge Maler im Medium der Lithographie und
schließlich auch im Tiefdruck vorfand und umsetzte.
Nach der Weimarer Studienzeit und ersten Selbstbildnissen begann Beckmann
im Jahr 1909 nachdrücklich druckgraphisch zu arbeiten. Im Auftrag
Paul Cassirers entwickelte er zunächst neun Illustrationen zum Orpheus-Mythos "Eurydikes
Wiederkehr" von Johannes Guthmann. Nicht Linie und präzise konturierte
Formen, sondern inhaltlich aufgeladene Impressionen bestimmten seine Bildwelten,
die er bis 1914 vor allem in der Kreidelithographie umsetzte. Die Technik,
die Ende des 18. Jahrhunderts bekannt wurde, erlaubt dem Zeichner, sich
mit Kreide auf Stein ebenso frei auszudrücken wie auf Papier. Spürbar
richtet sich das Interesse Beckmanns in seinen frühen Lithographien
auf die dramatische Inszenierung von Licht und Schatten sowie die Bewältigung
der räumlichen Weite. Mit einem tonig und weich anmutenden Strich
erzeugt Beckmann dabei virtuose Effekte. Die Blätter lassen aber auch
erkennen, dass Max Beckmann seine Kompositionen vor dem Hintergrund und
in Kenntnis der Werke bedeutender Künstler wie Dürer, Rembrandt
und Goya schuf.
Iim Museum für
Moderne Kunst schließlich ist die Ausstellung "Max Beckmann
und Thomas Demand. Klause und Apokalypse" zu sehen. Im
Jahre 1941 schuf Max Beckmann (1884 –1950) im Amsterdamer Exil einen
grafischen Zyklus zur Johannes–Apokalypse. Beckmanns erste Entwürfe
(27 Einzelblätter zu verschiedenen Szenen des biblischen Textes) wurden
auf geheimen Wegen nach Frankfurt transportiert und hier lithografisch
reproduziert. Ein Satz dieser gedruckten Illustrationen wurde von Beckmann in
Amsterdam mit Aquarellfarbe koloriert. Diese lange verschollen geglaubten Blätter
sind erst vor kurzer Zeit wieder aufgetaucht und konnten von einem Frankfurter
Sammler erworben werden. Für den in Berlin lebenden Künstler Thomas
Demand (*1964) war die kolorierte Apokalypse von Max Beckmann Anlass und
Ausgangspunkt für eine eigene Arbeit.
Während sich Beckmann, von einer Ausnahme abgesehen, auf den biblischen
Text bezieht, greift Demand ein dem Text entsprechendes Ereignis aus der
jüngeren Vergangenheit auf. Dabei interessiert Demand weniger der
Verlauf einesbestimmten Tathergangs, als vielmehr die Vorstellungen und
Phantasien, die die kursierenden Pressefotos vom Ort des Geschehens vermitteln
sowie die durch diese Pressefotos angestoßene Kette der Virtualisierungen.
Für Demand sind nicht die Ereignisse das Sujet, sondern das diffus
schattenhafte Dasein, das sie im schattenhaft diffusen Reich unseres kollektiven
Gedächtnisses führen, sprich: die immer schon verwischten medialen
Spuren, die die Ereignisse hinterlassen. Demands fotografische Bilder seiner
Modelle nach fotografischen Vorlagen sind also von vornherein auf Verlust
angelegt, auf Unschärfe den Ereignissen gegenüber. Der Werkkomplex,
der auf Anregung des MMK entstanden ist, besteht aus fünf
Fotografien, die im Dialog mit den Lithografienvon Max Beckmann gezeigt werden.
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