Robe und Reformkleid

Robe und Reformkleid

Modewandel in der Kaiserzeit. Museum im Gotischen Haus, Bad Homburg v.d.H., 27. November 2005 bis 5. Juni 2006

Mit prächtigen, voluminösen Roben aus den 1870 und 1880er Jahren beginnt die Ausstellung und sie endet mit einem schlichten, funktionalen Kleid aus dem Jahr 1916: Innerhalb weniger Jahrzehnte hatte ein verblüffender Silhouettenwechsel stattgefunden. Die Ausstellung lädt dazu ein, die Veränderungen schrittweise nachzuvollziehen und ihren Ursachen nachzuspüren. Im ersten Ausstellungsraum wird die luxuriöse und kapriziöse Mode bis 1906 in drei "Salons" vorgestellt. Vom Kinn bis zur Fußspitze bedeckt und von künstlichen Aufpolsterungen oder Einschnürungen ge- bzw. verformt, folgte die elegante Dame "comme il faut" dem jeweils gewünschten Modeideal: Um 1885 prägt die Turnüre, die den Po so befremdlich betonte die Silhouette, um 1895 läuteten die extreme Wespentaille und der Glockenrock die neue "Schlanke Linie" ein und um 1906 unterwarf sich auch die Kleidung dem eleganten S-Schwungs des Jugendstils.

Im "Boudoir" kann man die Menge der dazu nötigen Unterkleidung und das unentbehrliche Korsett bestaunen und sich mittels eines extra für die Ausstellung angefertigtes "Probier-Korsetts" einen Eindruck davon verschaffen, wie es sich anfühlte, "geschnürt" zu sein…

Robe und ReformkleidNatürlich zeigt die Ausstellung auch die Fülle der zur kompletten Ausstattung nötigen Accessoires und lüftet deren Geheimnisse: die diskrete Zeichensprache der Fächer z.B., den tieferen Sinn der Sonnenschirmchen und der unerlässlichen Handschuhe. Hüte und ihre Auszier – wie Vogelfedern, deren massenhafter Verbrauch zur Gründung von Naturschutzbünden führte oder bezaubernde Hutnadeln – vervollständigen das Bild.

In kleinen "Rätselkästchen" finden sich die geheimnisvollen Gegenstände, die für die damalige Mode unentbehrlich waren, uns heute aber rätselhaft sind. Die Lösungen findet man im Deckelinnern.

Als "demonstrativen Konsum" bezeichnete man schon damals diese Mode, die mit Eleganz, Qualität und Umfang beträchtlichen Aufwand trieb. Die "Gründerjahre" hatten einer breiten bürgerlichen Schicht bisher unbekannten Wohlstand beschert, der ungeniert zur Schau gestellt wurde. Während die Herren im zeitlos dunklen Anzug im Kontor standen, sollten ihre Ehefrauen und Töchter Status demonstrieren und zeigen, dass sie es sich leisten konnten, im Müßiggang zu leben.

Dieses traditionelle Frauenbild, das die "Versorgung" in einer möglichst gut situierten Ehe als gesellschaftlich anerkanntes Ziel vor schrieb, wurde zunehmend in Frage gestellt. Die Forderungen nach besserer Bildung, nach einer Berufstätigkeit, die Selbständigkeit ermöglichte und nach politischer Mitverantwortung für Frauen wurden auch in den die Mode tragenden Schichten immer vernehmlicher.

Robe und ReformkleidZu diesem neuen Frauenbild passten weder komplizierte Schnitte, die jede Bewegung behinderten, noch die Schleppe oder allzu empfindliche Stoffe und schon gar nicht das unerlässliche Korsett.

Der zweite Ausstellungsraum im Obergeschoß thematisiert den "Aufbruch in die Freiheit": den Kampf gegen das Korsett, die Propagierung des praktischen und ungeschnürten Reformkleids und die Bemühungen namhafter Jugendstilkünstler, dem als "Reformsack" diffamierten Kleidungsstück ästhetische Qualität zu verleihen. Viele Faktoren: die zunehmende Berufstätigkeit und Bewegungsfreiheit der Frauen, die Frauenbewegung, die Begeisterung für den Sport und die dafür entwickelte, praktischere Kleidung und nicht zuletzt geniale Couturiers trugen dazu bei, dass die Forderungen nach einer praktischen, bequemen, körpergerechten und alltagstauglichen Kleidung schließlich von der allgemeinen Mode adaptiert wurden.

Das neue Modeideal der "geraden Linie" mit losen, nur knöchelkurzen Kleidern und hoher Taille hatte den Körper von deformierenden Utensilien und künstlichen Aufpolsterungen befreit, die eng geschnürte Taille war verschwunden. Aber: Je weniger die Kleidung und Unterkleidung den Körper formte, desto mehr musste der Körper selbst in Form gebracht werden. Damals begann ein Trend, an dem wir uns heute noch in Fitnessstudios, mit Diäten oder kosmetischen Operationen abmühen…

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