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Liebesleid und HeldentodGemälde und Graphik des Historismus. Landesmuseum Mainz, 19.2. bis 2.7.2006Den fesselnden Darstellungen blutrünstiger und ergreifender Szenen in der historistischen Malerei und Graphik des 19. Jahrhunderts kann man sich nur schwer entziehen. Es sind Momentaufnahmen aus Geschichte, Mythologie oder Literatur, die damals allseits Bekanntes illustrierten. Heute sind viele der historischen Szenen für den Laien nur schwer zu deuten. Doch gewinnen sie gerade in der Zeit eines sich wandelnden Bildungsverständnisses dadurch vermehrt an Interesse. Nachdem die Ausstellung in der zum Landesmuseum gehörenden Max-Slevogt-Galerie auf Schloss Villa Ludwigshöhe in der Pfalz einen anhaltend großen Besucherzuspruch erfahren hat. wird sie nun in erweiterter Fassung auch in Mainz zu sehen sein. Anhand eindrucksvoller historischer Gemälde und Graphiken wird der Besucher ins 19. Jahrhundert entführt, in die Zeit der Spätromantik, in der das Bewusstsein für Geschichte neu erwachte. Aufgrund der Befreiungskriege gegen Napoleon wurde damals das Interesse an der nationalen Identität gestärkt. Man grub germanische Mythen aus, sammelte alte Volksmärchen und versuchte die Nibelungen als nationales Epos zu etablieren. Vor allem das Mittelalter wurde idealisiert, d. h. romantisiert. Auch die darstellenden Künste griffen diese Tendenzen auf und trugen ihnen in den Bildinhalten Rechnung. Gerne wählten die Maler Themen aus der älteren deutschen Geschichte, deren Helden man im Moment von Sieg oder Tod glorifizierte. Szenen aus bedeutenden Werken der Literatur wurden ebenso ins Bild gesetzt wie Figuren der klassischen Mythologie. Eine Vorliebe zu heroischen und tragischen Episoden ist dabei unverkennbar. Ein Beispiel für diese nostalgische Rückwärtsgewandtheit und Sehnsucht nach einer vergangenen Geborgenheit ist das Gemälde "Die Melancholie" (1846) von dem Mainzer Maler Wilhelm Lindenschmit d. Ä.: Eine in einen weißen Mantel gehüllte Frauengestalt sitzt auf einem Kirchhof und betrachtet versonnen das in einen Stein gemeißelte Wort "Melancolia". Das Ganze ist ein Sinnbild für die Trauer um die verlorene Einheit des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, das es seit 1806 wegen Napoleon nicht mehr gab. Lindenschmit idealisierte es als Zeit der Einheit von Volk und (deutschem) Kaiser. Diese resignative Haltung steht ganz in Widerspruch zu einem 16 Jahre früher entstandenen dramatischen Bild desselben Künstlers. In der Zeit des Vormärz hatte Lindenschmit eine Allegorie auf den Freiheitswillen und den Widerstand gegen Fürstenwillkür thematisiert. Er zeichnete den Schweizer Freiheitshelden Arnold Winkelried als Symbol des unbeugsamen Willens eines Einzelnen, der sein Leben im Kampf für die Unabhängigkeit seiner Landsleute selbstlos opfert.
Der "Historismus", der hauptsächlich von den an Staatlichen Akademien lehrenden Professoren vertreten wurde, vermochte nicht, die alten gesuchten Stilformen mit neuen, sozial relevanten Inhalten zu füllen. Dies gelang erst den Künstlern, die sich thematisch und stilistisch vom "Akademismus" abwandten und einen bis dahin unbekannten, gesellschaftspolitisch engagierten "Realismus" des modernen Lebens auf ihre Fahnen schrieben. Denn im 19. Jh. stellte die fortschreitende Industrialisierung, die eine Massenarmut und – dadurch bedingt – immer wieder revolutionäre Unruhen zur Folge hatte, die alten Werte in Frage. Nicht wenige Künstler hatten daher die Flucht in die Vergangenheit angetreten und suchten ihr Heil in den (angeblich) gefestigten Strukturen der mittelalterlichen Gesellschaft, in der ein von Gott eingesetzter Kaiser und der allmächtige Klerus das Leben bestimmten. Die "historisierenden" Stilrichtungen endeten in einer Sackgasse und wurden in der Folge von den an zeitgenössische, moderne Inhalte gebundenen Kunstströmungen wie Impressionismus und Expressionismus als veraltete, sogar verlogene "Gedankenmalerei" bezeichnet und kritisiert. Das Verständnis der vom Historismus bevorzugten Bildinhalte erforderte breite geschichtliche und literarische Kenntnisse, die das humanistisch gebildete Bürgertum zwar besaß, weiten Schichten der Bevölkerung aber fehlte. Die Zukunft gehörte den Malern, die ihre eigene Zeit annahmen und mächtige, vitale Bilder der eigenen Epoche, nicht der vergangenen Zeiten schufen. Über hundert Jahre lang waren die geschichtsträchtigen Bilder des Historismus als "langweilig" in die Depots der Museen verbannt. Heute ist das Interesse an ihnen neu erwacht. In der Ausstellung erzählen ausgewählte Gemälde und Graphiken aus eigenen Beständen des Landesmuseums mitreißende und bewegende Geschichten von Eifersucht, Liebe, Leid und Tod. Für die Präsentation im Landesmuseum Mainz wurde die Ausstellung um wichtige Arbeiten aus dem Bestand der Graphischen Sammlung bedeutend erweitert. Insgesamt sind nun über 50 Gemälde und Graphiken zu sehen.
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