Idyll, 1896

Ludwig von Hofmann

Arkadische Utopien in der Moderne. Museum Künstlerkolonie, Mathildenhöhe, Darmstadt, 18. Dezember 2005 bis 19. März 2006

Der Name Ludwig von Hofmann ist heute zu Unrecht weitgehend in Vergessenheit geraten. Um 1900 und in den ersten zwei Dezennien des 20. Jahrhunderts aber gehörte Ludwig von Hofmann zur künstlerischen Avantgarde, er war u. a. aufgrund seines Einsatzes für die sezessionistische Moderne neben Walter Leistikow, Max Liebermann oder Lovis Corinth sowie als Mitglied im Neuen Weimar um Harry Graf Kessler, Elisabeth Förster-Nietzsche und Henry van de Velde als einer der bedeutendsten Akteure des Kunstlebens der Jahrhundertwende.

Ludwig von Hofmann gilt als kreativer Schöpfer einer idealistischen, arkadischen Bildwelt, in der jene humanen Utopien und zivilisationskritischen Ausstiegssehnsüchte sichtbar erlebt werden können, die für die Epoche der Stilkunst um 1900 zielführend waren. Seine Bilder entfalten eine symbolistische, ästhetische Wirkung und künden von einer utopischen Vorstellung einer zum aktuellen Stand der Zivilisation alternativen Welt. Die Kunst Hofmanns ist stark idealistisch geprägt: Seine Bildthemen sind die Idyllen, bukolisch-idyllische Landschaften und das paradiesisch-harmonische Zusammensein von Mensch und Natur. Dabei beschränkt sich Hof-mann auf den Motivkreis Jugend, Frühling, frühlingshafte Landschaften, Nacktheit, Badende, Reiter und Pferde und immer wieder tanzende Frauen. Es entstehen rhythmisierte, entwirklichte Szenerien.

Selbstbildnis, 1894/1900Hofmanns Arbeiten erhitzten die Gemüter und erregten immer wieder aufgrund des von Frankreich inspirierten hellen Kolorits, der locker-befreiten Pinselführung wie der von sexuellen Klischees befreiten Schönheit der Landschaft großes Aufsehen. Die fortschrittlichen, modernen Züge seines Menschenbildes, die Begeisterung für eine befreite physische Schönheit und die damals noch durchaus nicht reale Vorstellung einer ästhetischen, mentalen und psychischen Neukonzeption der menschlichen Konstitution ließen um die Jahrhundertwende Ludwig von Hofmann zu einer singulären und umstrittenen Persönlichkeit werden. Hofmanns Kunst zeichnet sich nicht nur durch die visionäre Erschaffung eines juvenilen, sinnesfrohen, tänzerischen Menschen aus, sondern ebenso thematisiert er die Suche nach einem klassischen apollinischen Maß oder auch die Lust am dionysischen Rausch.

Ludwig von Hofmann wurzelt in seinem Lebensgefühl wie in seiner Kunstanschauung ganz in der Zeit der Jahrhundertwende. Die in seinen Bildern resultierende Lebensbetrachtung der Jahre um 1900 ist ambivalent: Einerseits wird ein Idyll heraufbeschworen, das bewusst der wilhelminischen Zeit mit ihren Lebensumständen als Rettung des Einzelnen aus der Verlorenheit entgegengesetzt wird, andererseits beinhalten seine Arbeiten eine Daseinsbejahung und eine Lebenshingabe, in denen sich gleichsam das Lebensgefühl jener Zeit der Jahrhundertwende widerspiegelt. Hofmanns Arbeiten werden so zu Bildern und Symbolen des Lebens schlechthin. Hofmanns künstlerisches Schaffen ist geprägt von der Auseinandersetzung mit der Kunst der Antike und der Renaissance. Als wichtiger Vertreter zwischen Klassik und Moderne kommt Ludwig von Hofmann nicht nur eine besondere Rolle zu, sondern er nimmt um 1900 auch künstlerisch eine bedeutende Vermittlerrolle zwischen Jugendstil, Stilkunst und Expressionismus ein.

Frühlingssturm, 1894/95Die Darmstädter Ausstellung stellt anhand ausgewählter Gemälde, Pastelle und Handzeichnungen, Graphiken und Buchillustrationen, Entwürfe für monumentale Wandarbeiten, Bühnen- sowie kunstgewerblicher Arbeiten (Rahmen, Fächer, Entwürfe für Spiegel und Teppiche) Ludwig von Hofmann als Künstler vor und beleuchtet seine Bedeutung und Stellung für das Kunstleben der Jahrhundertwende.

Es wird eine Künstlerpersönlichkeit präsentiert, die in regem Kontakt mit zahlreichen Geistesgrößen ihrer Zeit stand, mit singulären Persönlichkeiten wie Harry Graf Kessler oder Elisabeth Förster-Nietzsche, mit Künstlern wie Ferdinand Hodler, Henry van de Velde, Arnold Böcklin, Max Klinger oder Edvard Munch, mit Dichtern und Literaten wie Stefan George, Gerhart Hauptmann, Hugo von Hofmannsthal, Thomas Mann oder Rainer Maria Rilke, mit Musikern wie Eugen d´Albert oder Walter Lampe sowie mit Kunsthistorikern und Museumsdirektoren wie Wilhelm von Bode, Alfred Lichtwark, Woldemar von Seidlitz, Hugo von Tschudi, Heinrich Wölfflin oder dem freundschaftlich verbundenen Edwin Redslob, der sich inhaltlich besonders intensiv mit Hofmann beschäftigte. Zu Hofmanns Schülern gehörten u. a. Hans Arp, Ivo Hauptmann oder Otto Illies.

Der Ausstellungskatalog (hg. von Annette Wagner und Klaus Wolbert, 435 S.) entfaltet erstmalig das Werk Ludwig von Hofmanns in seiner ganzen Breite. Gemälde, Handzeichnungen und Pastelle, Graphiken und Buchillustrationen, Fächer, Entwürfe für angewandte Kunst oder Bühnenbilder sowie seine monumentalen Wandarbeiten spiegeln ein lebendiges Panorama des künstlerischen Schaffens und Wirkens von Ludwig von Hofmann sowie das geistige und auch literarische Leben der Epoche der Jahrhundertwende wider. Mit dieser Ausstellung verabschiedet sich der langjährige Leiter der Mathildenhöhe, Dr. Klaus Wolbert, in den Ruhestand.

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